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Super Mario Odyssey im Test: Eine irre Reise

Heute Redaktion
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Mit Super Mario Odyssey ist das bislang verrückteste Mario-Spiel erschienen. Das durchgeknallte Game für die Nintendo Switch schickt Spieler auf eine irre Reise.

Natürlich steckt Prinzessin Peach wieder in Schwierigkeiten: Erneut wurde sie von Bowser entführt, um in aller Eile geehelicht zu werden. Wieso sie dem Kerl nicht endlich aus dem Weg geht, bleibt ein Rätsel! Und Super Mario – der seit neustem kein Klempner mehr sein möchte, aber wohl selbst nicht weiß, was er nun ist – jagt den beiden auf seinen Stummelbeinen wieder so schnell hinterher, dass seine Mütze vom Kopf zu fliegen droht.

Was nach einer schnöden Wiederholung des x-fach Gehabten klingt, ist jedoch das pure Gegenteil: "Super Mario Odyssey" ist das verrückteste, vielfältigste und absurdeste Mario-Spiel aller Zeiten. Spieler tauchen ein in Welten respektive Gamelevels, wie sie in einem Mario-Game selten so zu sehen waren.

Da wäre zum Beispiel die knallrote Wüste, bevölkert von mexikanischen Skelettfiguren, die sich den Hintern abfrieren. Mitten in dieser Welt schwebt eine auf dem Kopf stehende Pyramide, die Super Mario stellenweise kopfüber hochklettert und -hüpft. Eine verkehrte Welt, die den Spielern den Kopf verdreht.

Hut ab!

Fast schon zahm erweisen sich im Vergleich dazu die Stellen, wo das 3D-Spiel wie in "Paper Mario" in ein pixeliges 2D-Spiel im Retro-Stil wechselt – inklusive der Soundkulisse, die plötzlich das typische Fiepen alter Arcade-Kästen liefert. Am Ende der Level warten stets herausfordernde, meist nur mit Finesse und Geschick zu besiegende Boss-Gegner, die Super Mario das Leben schwer machen: eine Horde fluffiger, aber furchterregender Hasen in exzentrischen Kostümen. Diese Albtraumgestalten stellen jeden Horror-Clown in den Schatten.

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Dementgegen steht ein kleiner, knuffiger Super Mario, bei dessen Art, wie er durch die Level rennt, einem das Herz zerfließt. Der schnuckelige Kerl aber hat es in sich: Fast alle Aufgaben erledigt er mit seiner Mütze, einer Kombination aus dem eigenen Hut und der neuen Nebenfigur Cappy. Cappys Schwester Tiara wurde ebenfalls von Bowser geschnappt, sie fristet nun als Hochzeitskrone für Peach ihr Dasein. Cappy verschmilzt mit Marios Mütze und verleiht ihm Sonderkräfte.

Showman Mario

Mit dem Hut räumt der Held Gegner aus dem Weg und bedient Hebel und Mechaniken. Manche Spielfigur inklusive Gegner kann Mario mit einem Mützenwurf in Besitz nehmen und ihre besonderen Fähigkeiten nutzen. So schlüpft er zum Beispiel in einen Frosch und springt ebenso hoch, schwimmt wie ein Fisch oder schlüpft in die Pilzhaut eines Goombas. Alle in Besitz genommenen Figuren tragen dann den Mario-Schnauzer und die Mario-Mütze. Apropos Kleider: Super Mario tritt wie ein Showman in den irrsten Kostümen auf. Mit erspielten Münzen können sich Spieler zudem eine ausladende, exzentrische Garderobe zulegen.

Super Mario Odyssey ist zudem in allen Bereichen wie eine Weltreise gestaltet. Angefangen über sein Luft-/Raumschiff, das über eine Weltkarte navigiert wird, über die verschiedenen Währungen der jeweiligen Königreiche, die Fotofunktion mit Filter- und Selfie-Funktionen bis hin zu den jeweils passenden Kleidungen, den Levelübersichtskarten in Reiseführerform und den Fernrohr-Robotern um Level auszuspionieren. Im Schlemmerland etwa schaut man durch einen Ausguck und entdeckt eine Welt, die aus Käse, Fleisch und flüssiger Lava, vermutlich aus Kaugummi, besteht. Als Währung sammelt man hier zwischen den Gegner Tomaten-Münzen, mit denen man im Shop eine Kochmütze samt dazu passender Bekleidung kauft. Schnell ein Foto davon gemacht, schon geht es in einen Abschnitt, zu dem man nur als Koch verkleidet vorgelassen wird. Ein irrer Spaß.

Lustiges Gestaltwandeln

Vor allem das Hut-Schmeißen und Verwandeln will einfach nicht langweilig werden. Im Schlemmerland etwa verbrennt sich Mario an der heißen Lava, kann aber einen Feuerball-Feind "capern" (so nennt Nintendo die Verwandlung) und infolge durch die heiße Lava schwimmen und springen. Landet er dabei an Land, wird er wieder zu Mario, weil der Feuerball an Land nicht "überleben" kann. Allerdings kann man angreifende Lava-Tomaten-artige Wesen zerplatzen lassen und so Lava-Pfützen an Land schaffen, in denen man sich fortbewegt.

Andererseits kann Mario seinen Hut auch auf Fähnchen schmeißen und sich dann von Fähnchen zu Fähnchen schnippen, um Areale zu erreichen, zu denen er als normale Spielfigur nicht gelangen kann. Solche Areale und Geheimnisse gibt es in Super Mario Odyssey zuhauf. Auch Verwandlungsmöglichkeiten sind fast grenzenlos. So schlüpft man in die Rolle eines Goombas, um weitere Goombas zu einem Turm aufzustapeln und eine Goomba-Frau zu bezirzen; in die eines Cheep-Cheep-Fischs, um Unterwasser keine Atemprobleme zu bekommen; oder eines Tintenfischs, um mich per Wasserstrahl hochschleudern zu können. Nur wer die Verwandlungen geschickt ausnutzt, kann die Monde kapern, die man zum Fortkommen im Spiel sammeln muss.

Perfekte Steuerung

So vielfältig das Gameplay ist, so vielfältig kann Mario auch gesteuert werden. Entweder im Handheld-Modus mit an- oder abgekoppelten Joy-Con oder (aufgrund der tollen Grafik eine Empfehlung!) im TV-Modus mit den Joy-Con oder dem Pro-Controller. Überragend ist das Spielen mit den Joy-Con, denn so vielfältig wurden die Feedback-Funktionen der kleinen Controller noch nicht ausgenutzt. Hier vibriert und zuckt der Joy-Con passend zu den Geschehnissen, und das nicht aufdringlich, sondern gut geplant.

Auch die generelle Steuerung funktioniert gut. Klassische Gamer können ihren Hut etwa mit der Y-Taste werfen, wer es innovativer mag, bewegt aber einfach die Joy-Con in die gewünschte Richtung, in die der Hut fliegen soll. Das Besondere dabei: hat man den Kniff erst heraußen, kann man dem Hut sogar einen Drall geben oder sich flüssig bewegen und gleichzeitig die jeweilige Hut-Funktion ausführen.

Erkunden statt erkämpfen

Super Mario Odyssey legt nun auch viel weniger Wert auf das Erreichen von Höchstpunktezahlen, sondern lädt lieber zum Erkunden einer in den Königreichen beinahe offenen Spielewelt ein. Man muss nicht zwingend direkt auf das Ziel, den zu sammelnden Mond, losrennen, sondern kann erst einmal eine andere Richtung einschlagen und einen Schatz zu bergen versuchen. Die Monde braucht man übrigens zum Betanken des Raumschiffs, um die Weltreise fortsetzen zu können.

Super Mario Odyssey ist neben den zahlreichen innovativen Elementen auch eine Hommage an jahrelange Mario-Fans. Es finden sich die aus Super Mario 64 bekannten Gemälde wieder, in Shops oder dem Raumschiff erinnern Sammelstücke an die einzelnen Mario-Titel und auch in den Leveln wird man die eine oder andere Überraschung aus einem älteren Mario-Game antreffen können.

Fazit: Das perfekte Game

Genervt von den Hammer-Brüdern? Wie genial ist es bitte, dass man jetzt einfach einen der Gesellen "capern" kann und dem zweiten Bruder seine eigenen Waffen mit ruckartigen Joy-Con-Bewegungen um den Panzer pfeffert? In Super Mario Odyssey sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. An jeder Ecke wartet ein Geheimnis, das entdeckt werden will und die Story macht einfach gewaltig viel Spaß.

Kurz: Das ganze Spiel sprüht vor absurdem Erfindungsgeist, wilden Einfällen und psychedelischen Momenten und schnell stellt sich die Frage, ob die Designer bewusstseinserweiternde Drogen genommen haben. Falls dem so ist, hat es zumindest nicht geschadet. Im Gegenteil: "Super Mario Odyssey" bietet eine Spieltiefe und einen Ideenreichtum, der alles schlägt, was aus der Welt des gewieften Kerls bisher auf Konsolen (in diesem Fall die Switch) erschienen ist. So darf er ruhig noch weitere 30 Jahre Peach hinterherjagen. Und diese sich dafür auf den Bösewicht Bowser einlassen. (jag/rfi)