"Er ging ins KZ, um seine Mutter zu schützen"

Bei den "Novemberpogromen" versteckte sich Tina Bachmanns Großvater Franz Stein im Museum. Dann stellte er sich der Gestapo, um seine Mutter zu schützen, kam ins KZ. Er flüchtete nach Frankreich, wo er überlebte. Seine Eltern sah er nie mehr. Ein Gespräch mit Maria Jelenko-Benedikt.

Franz Walter Stein, geboren 1908 in Teplitz Schönau, Böhmen, wurde von seinen jüdischen Eltern, die mit den Kindern nach Wien gingen, zu den Großeltern in der Nähe von Prag geschickt, weil es bei ihnen mehr zu essen gab.

Seine Enkeltochter Tina Bachmann hat sein Schicksal anhand von Dokumenten und Radiointerviews, die Stein gegeben hat, recherchiert und erzählt über das Leben ihres Großvaters:

Als Franz 1923 nach Wien zurückkehrt, um in einer Textilfabrik zu arbeiten, tritt er bei der sozialistischen Jugend ein. Damals bildeten sich illegale Gruppen gegen das faschistische Regime – Demonstrationen, Flugblätter, Zeitungen. Viele seiner Freunde werden verhaftet.

Dann erlebt Franz Stein die Novemberpogrome der Nazis: Juden werden auf offener Straße verprügelt und umgebracht, viele werden verhaftet, jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört. An diesem blutigen 9. November 1938 (die Nazis nannten sie aufgrund der vielen zerbrochenen Fensterscheiben zynisch "Reichskristallnacht") flüchtet Franz ins Naturhistorische Museum – ein sicherer Aufenthaltsort.

Als Franz seine Mutter kontaktiert, teilt sie ihm mit, dass er sich bei der Gestapo melden müsse, sonst würde sie verhaftet. Er begibt sich ins Polizei-Kommissariat Favoriten, wird ins Schulgebäude Kenyongasse gebracht. Dort erlebt er brutale Szenen, Quälereien der SS, die dort bereits das Kommando führt. Franz wird verhört und ins Gefangenenhaus Elisabethpromenade gebracht. Am 16. November wird Franz in einem Sonderzug nach Dachau transportiert.

Am 5. März 1939 wird Stein aus Dachau wieder entlassen - das Lager ist zu voll. Prämisse: Er muss sich im Gestapo-Hauptquartier im Hotel Metropol am Morzinplatz melden, dort wird ihm ein deutscher Reisepass auf den Namen Franz Israel Stein ausgehändigt. Er muss unterschreiben, dass er das deutsche Reich für immer verlasse.

Freunde, die illegal nach Frankreich gelangt sind, schicken ihm eine Karte, auf der sie Franz beschreiben, wie er ohne Visum über die Schweiz nach Paris gelangen kann. Am 25. März 1939 verabschiedet er sich von seinen Eltern am Westbahnhof – sie sehen sich zum letzten Mal, wie er später in einem Interview mit dem Radiosender France 3 erzählt. Seine Mutter Valerie Stein wird am 12.03.1941 mit Transport no. 5 aus Wien nach Polen transportiert und vergast. Sein Vater Michael Stein wird mit 800 anderen Juden 1941 in Belgrad erschossen.

Für Franz Stein beginnt eine lange Flucht, teils zu Fuß, nach Paris. Dort kommt er bei einem Freund unter, das "Matteotti Komitee" hilft mit Geld, Wohnung und Umschulung zum Metallarbeiter.

1. September 1939: Stein wird verhaftet, alle Juden ins Stade de Colombes, Paris gebracht, nach 14 Tagen nach Meslay du Maine (Bretagne) transportiert, unter freiem Himmel werden Gefangene unter schlimmsten Hygienebedingungen festgehalten.

Vermutlich aufgrund einer Namensgleichheit wird Stein im Jänner 1940 ins Straflager Damigny (Normandie) transportiert, vier Monate später wird er als Arbeitssoldat der 706. Kompagnie der Royal Engineers in St. Nazaire eingesetzt. Als die Engländer sich von dort am 20. Juni fluchtartig zurückziehen und er und zehn Freunde sich selbst überlassen bleiben, geht er zu Fuß nach Montauban, eine "freie" Zone, wo einige Österreicher leben.

Dort versteckt er sich unter falschem Namen (Francois Lorand) auf einem Bauernhof, nimmt einen Job als Gärtner an. 1941 wird er gemeinsam mit mehreren Kommunisten verhaftet. Wieder hat Franz Stein Glück im Unglück: Er wird bald darauf wieder freigelassen. Und auch im April 1943 entgeht er um Haaresbreite dem Tod: Er wird wieder mit mehreren Geflüchteten verhaftet, kann aber fliehen, alle anderen werden in ein KZ deportiert. Zurück in Montauban lebt er ständig in Angst, entdeckt zu werden, er erlebt öffentliche Hinrichtungen. Zu dieser Zeit lernt er eine Frau kennen, heiratet sie.

1947 kehrt Stein ohne Papiere nach Österreich zurück, er bekommt von der Österreichischen Handelskammer in Paris Unterstützung. Hier erfährt er vom Tod seiner Eltern und fast 100 Verwandten.

Das Interview ist Teil einer Zeitzeugen-Serie. Alle Zeitzeugen-Gespräche finden Sie auf www.heute.at/zeitzeugen

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