Anstatt in wenigen Tagen das ganze Land eingenommen zu haben, ist Wladimir Putins Krieg in der Ukraine zu einer mittlerweile mehr als drei Wochen andauernden und für die russische Armee sehr verlustreichen Kampagne geworden. Offenbar hatte man sich an höchster Stelle völlig verkalkuliert, was sowohl die Stärke der eigenen Truppen als auch die Kampfkraft der ukrainischen Verteidiger angeht.
Mittlerweile scheint es nicht einmal mehr so abwegig, dass die Supermacht Russland, diesen Krieg verliert – so die Einschätzung des US-Strategen und Militär-Experten Michael Repass. Der Ex-Brigadegeneral war früher Kommandant des US Special Operations Command in Europe und hat nach seiner Pensionierung im Auftrag des Pentagons noch 2021 den Generalstab in Kiew beraten.
Alle Infos zu aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg im LIVE-TICKER >
Die Ukrainer würden ihr Heimatland gegen eine brutale Aggression verteidigen, eine kurzfristige Kapitulation sieht er nicht: "Die ukrainische Armee und das ukrainische Volk werden den Kampf fortsetzen, solange sie die Mittel haben. Die Dynamik könnte sich zugunsten der Ukraine bewegen", so Repass im "Standard"-Interview am Montag. Die Truppen von Präsident Wolodimir Selenksi hätten also eine Chance auf den Sieg. Aber: "Es ist unmöglich, den Ausgang des Konflikts genau vorauszusagen."
"Sie gewinnen jeden Tag relativ an Stärke gegenüber den Russen", sagt er über die ukrainische Armee. "Sie gingen zwar in den Krieg mit einer unterlegenen Armee, aber das Kräfteverhältnis gleicht sich immer mehr an." Der Experte schätzt die Verluste auf russischer Seite auf mindestens dreimal so hoch ein.
Der Grund: Die Ukraine wurde keineswegs von den Russen überrumpelt. Spätestens seit der Annexion der Krim wurde das Militär von Grund auf modernisiert. Selenski hatte mit seinem Amtsantritt umgehend tiefe Reformen durchgeführt und die Führung ausgetauscht. Die Soldaten werden nun von jüngeren Generälen, die schon seit 2014 im Donbass gegen pro-russische Separatisten gekämpft haben, angeführt. "Die aktuelle Armee der Ukraine gleicht den Streitkräften der NATO-Länder", erklärt der Ex-Kommandant weiter.
"Enorm wichtig" für den weiteren Widerstand seien aber die Waffenlieferungen des Westens. "Die Frontkommandanten und ihre Einheiten brauchen dringend Panzer- und Flugabwehrsysteme. Mit der deutschen Panzerfaust 3, der Antipanzerrakete Javelin sowie den Flugabwehrraketen Stinger oder SA-7 können die Ukrainer den Russen empfindliche Verluste zufügen."
Von den zu Beginn auf russischer Seite 1.200 aufgefahrenen Panzern seien bis 17. März schon 475 zerstört worden. Dazu kamen noch etliche Helikopter und anderes Militärmaterial. Repass: "Für die Russen ist es schwer, die Verluste zu ersetzen, sie haben enorme Schwierigkeiten bei der Logistik und beim Nachschub. Das alles zehrt an der Moral der Truppe."
Völlig überrumpelt wurden hingegen die Angreifer. Die Lage in der Ukraine war gänzlich anders, als von Geheimdiensten und der eigenen Führung – von Putin abwärts – dargestellt. "Erstens gingen die Russen davon aus, dass die Ukrainer keinen ernstzunehmenden Widerstand leisten – das Gegenteil ist der Fall", erklärt der Stratege weiter.
Zweitens habe man sich auf die Übermacht der eigenen motorisierten Einheiten verlassen – "eine böse Überraschung für die Kreml-Truppen war das matschige Gelände im Norden der Ukraine. Kommt ein Fahrzeug von der Straße ab, bleibt es leicht stecken". Heißt: der Vormarsch gelingt nur über befestigte Straßen, die viel leichter zu verteidigen sind. So sei es auch zu dem Mega-Konvoi im Norden von Kiew gekommen.
Die russischen Geheimdienste hätten laut Einschätzung des Amerikaners auf ganzer Linie versagt. "Sie waren nicht fähig, entscheidende Informationen zu sammeln. Es kann aber auch sein, dass die Dienste bewusst ein rosigeres Bild für Putin gezeichnet haben. Putin erhält gefilterte Informationen, die ihm genehm sind."
Was nicht mit dem Skalpell gelang, versucht Putin nun mit der Abrissbirne zu richten: "Sie entfesseln eine enorm destruktive Kampagne, zerstören Städte, Infrastruktur, Energie- und Wasserversorgung, Abwassersysteme. Sie töten oder vertreiben die Zivilisten. Wenn die Städte unbewohnbar sind, bekämpfen sie das Militär", so Repass zur neuen Strategie der russischen Armee. Mariupol teile womöglich das Schicksal der syrischen Städte Aleppo und Homs sowie dem tschetschenischen Grosny. Von diesen war nach russischen Belagerungen nur noch Trümmer übrig. "Die Russen wollen, dass kein ukrainischer Widerstand in der Ostukraine bleibt."
Die abschließende Einschätzung des Militär-Experten ist dramatisch: "Ich befürchte, es wird noch schlimmer". Sollten die Russen ihre "Vernichtungsorgie" fortsetzen, könnten laut UNHCR-Prognose bis zu 18 Millionen Menschen in die Flucht gezwungen werden. "Oder mehr. Das wäre eine beispiellose humanitäre Katastrophe."