Digital

So einfach lässt sich die Realität verbiegen

Ein russischer Künstler testet mit seinen 3D-Animationen die Grenzen unserer Technologie – und durchbricht sie.
Heute Redaktion
13.09.2021, 19:52

Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch die Stadt und plötzlich verbiegt sich die Straße. Kein Problem wenn es nach Vladimir Tomin geht. Für den Grafikdesigner aus Chabarowsk, Russland, ist nichts unmöglich.

In den letzten Tagen ging Tomins Video Прогулка (Deutsch: Spaziergang) viral. Darin demonstriert er eindrücklich, was mit der heutigen Technologie und etwas Geschick in Sachen 3D-Animation alles möglich ist.

"Manchmal bin ich zu ehrlich"

Früher arbeitete Tomin in einer Werbeagentur, wo er am Laufband Low-Budget-Videos produzierte. Das langweilte ihn jedoch schnell: "Ich wollte Kunden, die etwas Neues ausprobieren", sagt. Also schloss sich der Nerd einem Künstlerkollektiv an, produzierte unter anderem ein ziemlich abgefahrenes Musikvideo und machte sich im Netz einen Namen. Irgendwann klopfte MTV Russia an – ein Projekt, auf das Tomin besonders stolz ist: "Die Deadlines waren absolut irre, aber es hat trotzdem einen Riesenspaß gemacht."

Gewisse Kunden haben allerdings Mühe mit Tomins Stil. "Manchmal bin ich zu ehrlich", so der Künstler. "Wenn mir etwas nicht gefällt, sage ich das ungefiltert. Deshalb gibt es Leute, die nicht mit mir arbeiten wollen."

Virtuelle Superkräfte

Im Gegensatz zu seinem Mundwerk ist Tomins "Spaziergang" alles andere als ungefiltert. Software wie After Effects und Cinema 4D verschafft ihm virtuelle Superkräfte: Mit ein paar Mausklicks wirft er Mülleimer um, schlägt Wellen mit Betonklötzen und haucht einer Straßenlaterne Leben ein. Inspiriert wurde er dabei von Instagram- und Snapchat-Filtern, die in Sekundenschnelle Gesichter und unsere Umgebung auf den Kopf stellen.

Natürlich sind Realitätsverzerrungen heutzutage noch nicht so einfach, wie sie Tomin im Video darstellt – hinter seinen Animationen steckt stundenlange Feinarbeit. "Ich arbeite noch an ein, zwei Videos in diesem Stil, aber danach möchte ich etwas Neues ausprobieren", sagt der Künstler. "Das ist wichtig. Wenn man sich zu sehr auf einen Stil verlässt, kann das zur Falle werden."

Das Digital-Telegramm 2018

(Valentina Sproge/Tillate)

Jetzt E-Paper lesen