Vom Horror, nichts mehr vergessen zu können

Ein gutes Gedächtnis ist eigentlich von Vorteil. Wenn es aber zu gut ist, kann es für die Betroffenen zur Qual werden.
Als der Hirnforscher James McGaugh am 24. Juni 2000 in seinem Büro an der University of California in Irvine auf Jill Price wartete, war er skeptisch. Die damals 34-jährige Frau hatte in einem E-Mail behauptet, sie könne sich seit ihrem 14. Lebensjahr an jeden Tag detailliert erinnern.

Als Price vor ihm sass, fragte McGaugh, wann die Geiselhaft der Mitarbeiter der US-Botschaft in Teheran begonnen habe. Das sei am 4. Novemner 1979 gewesen, antwortete Price. Richtig sei der 5. November, korrigierte McGaugh, vor dem eine Chronik des 20. Jahrhunderts lag. Weil Price auf ihrer Antwort beharrte, konsultierte McGaugh andere Quellen. Price hatte recht.

Autobiografisches Gedächtnis

In den folgenden Jahren unterzogen McGaugh und seine Mitarbeiter Price einer Reihe von Tests. Es stellte sich heraus, dass ihr autobiografisches Gedächtnis nahezu reibungslos funktionierte. Ob ihre Erinnerungen zutrafen oder nicht, konnten sie anhand eines Tagebuchs überprüfen, das Price seit über 20 Jahren führte. Es umfasste damals rund 50.000 Seiten.



CommentCreated with Sketch.0 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Price wusste zum Beispiel, wann Bing Crosby gestorben war (am 14. Oktober 1977), weil sie es an diesem Tag im Radio gehört hatte. Sie erinnert sich aber auch an eine Unmenge von Trivialitäten aus ihrem Alltag, etwa wann sie zum dritten Mal Auto gefahren war oder was sie am 20. Juli 1985 zu Mittag gegessen hatte. McGaugh prägte für Price' Zustand den Fachbegriff Hyperthymesie. Weltweit leiden vermutlich weniger als 100 Personen daran.

Sehnsucht nach dem Vergessen

Leiden ist in diesem Fall das richtige Wort, denn Price wäre froh, wenn sie nicht über diese Fähigkeit verfügen würde. In einem Buch, das sie mit einem Ghostwriter verfasst hat, heißt es: "Stell dir vor, dich an jeden Streit erinnern zu können, den du je mit einem Freund hattest; an jedes Mal, als dich jemand enttäuschte; an all die Fehler, die du gemacht hast. Und nun stell dir vor, das alles nicht aus deinem Kopf zu bekommen, so sehr du es auch versuchst."

Ein Gedächtniskünstler

Ein noch seltsamerer Fall trug sich in den 1930er-Jahren in der Sowjetunion zu. Der Journalist Solomon Schereschewski erinnert sich an jedes einzelne Wort, das in der Redaktionssitzung gesagt worden war. Im Gegensatz zu Price, die nur eigene Erlebnisse im Gedächtnis hat, konnte er sich auch lange, völlig sinnlose Reihen von Zahlen oder Buchstaben merken. Schereschewski tourte später durch durch die russische Provinz und verblüffte die Zuschauer mit seinen Gedächtnisleistungen.

Doch wie Price litt auch Schereschewski unter seiner Fähigkeit. Zusammen mit dem Psychiater Alexander Luria, der Schereschewskis Fall 1968 in einem Buch beschrieb, entwickelte er eine Art Vergessenstechnik. Er schrieb auf, was er vergessen wollte, und zerriss oder verbrannte anschließend den Zettel. Es scheint geholfen zu haben.

Selektives Vergessen der Geschichte

Dass Vergessen heilsam sein kann, gilt nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der kollektiven Ebene. Zwar ist es wichtig, die Erinnerung an vergangene Schrecken und Großtaten wachzuhalten, sonst könnten sie ja nicht als Warnung beziehungsweise Vorbild dienen. Es ist aber nicht hilfreich, wenn sich Völker rituell an Niederlagen oder Demütigungen erinnern. Das fördert nur den Rachedurst, wie sich besonders deutlich in den Balkankriegen in den 1990er-Jahren zeigte.

Der Historiker Christian Meier schrieb daher: "Was alles wäre Millionen Menschen, ja Europa und der Welt erspart geblieben, wenn die Serben die Schlacht auf dem Amselfeld und die Türkenherrschaft vergessen (oder jedenfalls nicht so verdammt lebendig erinnert) hätten."

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