Warum Emily Carrie doch ähnlich ist

"Emily in Paris" startete am 2. Oktober auf Netflix.
"Emily in Paris" startete am 2. Oktober auf Netflix.Netflix
"Emily in Paris" ist seit kurzem auf Netflix zu sehen. Tut die Kritik der Protagonistin Unrecht? Ist sie vielleicht doch eine neue Carrie Bradshaw?

Die neue Netflix-Serie „Emily in Paris“ ist erst vor wenigen Tagen erschienen und schon polarisiert sie so sehr, dass das ganze Netz in Aufruhr ist. Die unscheinbare Emily wurde zur Hassfigur. Doch wir sollten uns fragen, ob der Shitstorm, der Hass und die Memes gerechtfertigt sind, warum uns das Verhalten der Protagonistin dermaßen aufregt und ob sie und Carrie bei näherer Betrachtung nicht doch ein paar Gemeinsamkeiten haben.

Inhaltsüberblick: (ohne Spoiler) Emily wird in Vertretung als Marketing-Expertin vom neuen US-amerikanischen Mutterkonzern von Chicago nach Paris geschickt. In ihrer Ignoranz möchte sie den American Way of Life in der Pariser Agentur durchbringen und scheitert. Hinzu kommen eine Portion verworrenes Liebes-Drama und Freundschafts-Dreiecke.

These: Jemand, der die Serie verurteilt, verurteilt seine eigene Mittelmäßigkeit

Tough, eloquent, schlagfertig – all das ist Emily nicht – aber die meisten Menschen sind es im alltäglichen Leben auch nicht ununterbrochen. Deswegen ist sie eine Identifikationsfigur, die man vielleicht nicht unbedingt haben will.

Als sie in ein etabliertes Unternehmen kommt und glaubt, ihre neuen Konzepte fänden Gehör, ohne dass sie sich einen Überblick verschafft hat oder Anschluss findet, ist sie unglaublich naiv.

Doch hier steht nicht nur die Jugend dem Alter gegenüber, oder die USA Frankreich, sondern auch der neue Y-Z-Geist dem alten Konservativismus. Ihr herzlich-kühler Empfang zeigt diese Kluft.

Warum wir Emily nicht hassen sollten

Eine Modewelt, in der es Extravaganz braucht, um zu bestehen, wo nur Paradiesvögel brillieren, die sonst in der realen Welt nicht überleben könnten - An so einem Ort kann die Mittelklasse nicht mithalten. Jeder, der sich über Emily belustigt, regt sich in Wahrheit über seine eigene Mittelmäßigkeit auf. Lily Collins in der Hauptrolle ist DAS Mädchen von nebenan, das auch jeder sein könnte - ohne Ecken und Kanten.

Kritiker, die betonen, wie naiv die Protagonistin erscheint, klammern aus, was so oft in der realen Modewelt einer Agentur oder bei einem Designer passiert, wenn jemand, der auf den ersten Blick nicht dazu gehört, unerwartet und unerwünscht hinzu kommt. Emilys Kollegen spinnen, ohne ihr eine Chance auf ein Kennenlernen zu geben, ein Komplott, weil sie anders ist.

Die Modewelt feiert abermals nicht den Individualismus, sondern bleibt ein bald verblassender Abdruck ihrer Zeit, mit ständig wechselnden Anpassungsversuchen. So ist auch „Diversity“ gerade eine gute Marketing-Strategie. Doch in der Realität der Branche findet diese keine Umsetzung, wie auch die Serie zeigt. Selten geht es in der Mode nur um Spaß.

Emily hat daher keinen Shitstorm verdient. Denn sie ist nichts mehr als das Spiegelbild einer mittelmäßigen Gesellschaft, die von mehr träumt – von Instagram-Realitäten, die sie selbst erleben möchte.

Was Carrie und Emily gemeinsam haben

Schuld an den hohen Erwartungen an die Serie und dem Vergleich mit Carrie sind lediglich die Medien, die auf der Suche nach einem Aufhänger die Idee erst in die Welt setzen – weil der Produzent der gleiche ist wie von "Sex and the City".

Wenn wir uns also über Emilys Kleiderwahl beschweren, dann dürfen wir uns wieder in Erinnerung rufen, dass auch Carries Stil nicht etwas war, das jemals massentauglich gewesen wäre und jedem gefallen hätte. Carrie war eine Stilikone für einen SEHR individuellen Charakter (Stichwort: Paradiesvögel)

Etwas, das auf natürliche Weise geschieht, je mehr man sich der Modewelt annähert. Dann verschwimmen die Geschmacksgrenzen und man empfindet Dinge als ansprechend, die 80 Prozent der Gesellschaft als keineswegs modebewusst einordnen würden. Insofern haben die beiden doch wieder etwas gemeinsam.

Auch in puncto Naivität eines Seriencharakters hat Carrie schon etwas vorbildhaft aufgebaut. Denn ihre Entscheidungen waren genauso davon beeinflusst oder verblendet. Der Witz und Charme in der Dialogkraft bei „Sex and the City“ lag zudem an der Komposition der vier Frauen-Typen zusammen, nicht an Carrie alleine.

War Carrie modisch?

Das ist auch ein Problem für Emilys Paris, denn wir haben hier eine bessere Romcom mit Fashioncharakter vor uns, aber die großen Dialoge, die uns sehnsüchtig nach Rückerinnerungen werden lassen, bleiben aus. Die anderen Hauptcharaktere wären durchaus ausbaufähig gewesen.

Modische Ähnlichkeiten zu Carrie sind schon wegen der gleichen Stylistin nicht zu leugnen: Der Tüll-Rock hat wieder einen großen Auftritt - in dem Fall in Kleid-Form. Beide schwanken zwischen stilvoll, modisch-modern und (zu) extravagant.

Als Female Icon passte Carrie in eine frühere Zeit, wo sie genau das gleiche darstellte wie Emily jetzt. Mittelmäßigkeit im Erscheinungsbild und einem „wenigen aufregenden“ Charakter, dem etwas Außergewöhnliches gelingt. Aufsehen erregt sie nur durch ihren aufregenden (alltagsfremden) Kleidungsstil.

Auch Dating-Erfahrungen haben sie beide schlechte getroffen, wobei man Emily noch nachsichtiger gegenüber sein könnte - wegen ihrer Jugendlichkeit und erster Erfahrungen in einer fremden Stadt weit weg von der Heimat - nachdem ihre Beziehung bei der Abreise zu Ende ging. Carrie hingegen sollte aus ihrem reichen Erfahrungsschatz gelernt haben, bleibt jedoch ihr Leben lang jugendlich naiv.

Zwei moderne Märchen

Beides sind moderne Märchen, in denen ein Prince Charming, der eigentlich in seinem Auftreten nicht prinzenhaft ist, erhöht dargestellt wird. Beide Serien sind daher im Kern unrealistisch.

Carrie wäre schon wegen ihrem Einkommen im Widerspruch zu ihrem Lebensstil gestanden. Somit wäre eine Carrie in New York auch nicht möglich gewesen. Doch wir schauen über diese Unregelmäßigkeiten hinweg. Denn das erlaubt uns selbst zu träumen.

Fazit: Emily ist somit die Version von Carrie, die jemand, der mit SATC aufgewachsen ist, darstellen würde, um einem Idol nachzulaufen. Darren Criss und Patricia Field haben erneut ein Märchen für jedermann (oder frau) geschaffen, das nur in diesem Serien-Setting möglich ist. Die zehn 20-minütigen Episoden sind kurzweilig erzählt und ganz dem Romcom-Genre entsprechend gefühlt wie ein längerer Film aufgebaut.

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