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Warum es uns trotz Überfluss an Ärzten fehlt

Heute Redaktion
13.09.2021, 22:21

Laut OECD hat Österreich so viele Ärzte, wie kaum ein anderes Land. Die Ärztekammer erklärt, warum in unseren Spitälern trotzdem hunderte Ärzte fehlen.

Sieht man sich den aktuellen OECD-Vergleich der europäischen Gesundheitssysteme an, könnte man meinen, in Österreich herrscht alles andere als ein Ärztemangel.

Trotzdem beklagen Harald Mayer, Vizepräsident der Ärztekammer und Wolfgang Weismüller, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, genau das: "Es gibt viele Ärzte, aber zu wenig Spitalsärzte", sagen sie.

Hauptgrund für die Mängel, die sie im österreichischen Gesundheitssystem beschreiben, sei die komplizierte Finanzierung. Die Politik soll hier etwas ändern.

Überlastete Spitäler

Dass die Spitäler überlastet sind, zeigen die OECD-Zahlen deutlich: Pro 1.000 Einwohner kommt es im Jahr zu 256 Spitalsaufenthalten, im EU-Schnitt sind es nur 173.

Das läge vor allem an der dualen (und komplizierten) Finanzierung unseres Gesundheitswesens. Gewisse Leistungen und Behandlungen werden etwa nur im Spital bezahlt, ein Arzt "draußen" dürfte sie der Krankenkassa nicht verrechnen. So würden Patienten ins Spital getrieben, die genauso gut bei einem Haus- oder Facharzt in der Ordination behandelt werden könnten.

Beispiele gibt es hier viele: Angefangen von Katarakt-Operationen (gegen "Grauen Star" im Auge) über Chemotherapien bis hin zur richtigen Medikamenten-Einstellung bei Bluthochdruck oder Diabetes. All diese Dinge könnten genauso gut - und teilweise sogar besser - von einem niedergelassenen Arzt erledigt werden.

Dass Spitalsärzte zudem 40 Prozent ihrer Zeit für Administration und Schreibarbeiten aufwenden müssen und dann auch noch Aufgaben übernehmen, die in anderen Ländern von Pflegekräften erledigt werden können, hilft der Sache auch nicht. Allein in Wien fehlen mehrere hundert Spitalsärzte, schätzt Weismüller.

System braucht zu viele Ärzte

Dazu kommt: "Unser System ist so aufgebaut, dass es einfach mehr Ärzte benötigt", sagt Weismüller. Ein Beispiel: Ein Hausarzt schickt seinen Patienten ins Labor, weil er selbst die Untersuchung nicht vergütet bekommt. Auch dort ist ein Arzt angestellt, der die Befunde dann aber wieder zum Hausarzt zurückschickt, mit dem der Patient das Ergebnis endlich besprechen kann. Drei Arztkontakte also, die man mit Änderungen in der Finanzierung reduzieren könnte.

"Wir fahren gegen eine Wand"

Obwohl jedes Jahr über 1.400 Menschen in Österreich das Medizinstudium abschließen, blicken die Ärztevertreter pessimistisch in die Zukunft.

Denn von diesen 1.450 Absolventen würden nur etwa 750 in Österreich bleiben. Nicht genug, dass EU-Ausländer, die bei uns studieren, wieder in ihre Heimatländer gehen - mittlerweile würden auch Österreicher "abwandern", weil woanders eine bessere weitere Ausbildung zu erwarten ist, meint Mayer.

In österreichischen Spitälern habe ein Oberarzt schlichtweg keine Zeit mehr, jungen Ärzten etwas beizubringen. Bringt man dabei noch die Überalterung der bestehenden Ärzte ins Spiel, verheißt das nichts Gutes.

Ärzte werden immer älter

Sechs von zehn Ärzten in Österreich sind über 50 Jahre alt -

und es kommen zu wenige nach. Bedenkt man, dass ein in Pension gehender Mediziner jahrelang sein Wissen an seinen jüngeren Ersatz weitergeben sollte, "fahren wir gegen eine Wand", so Mayer.

Wo aber arbeiten die ganzen Ärzte, wenn nicht im Spital? Fest steht: Auch Kassen-Ordinationen bleiben immer öfter unbesetzt, weil sich schlichtweg niemand für die Stelle bewirbt. Da wird oft lieber eine Wahlarzt-Praxis aufgemacht.

Wie wird es besser?

Für die Standesvertreter ist klar: Es muss was an der Finanzierung geändert werden. Eine reine Zusammenlegung von Krankenkassen, wie es bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen Thema ist, würde aber wenig bringen. Das Mischsystem (Finanzierung durch Staat und Kassen) sei das Problem. "Gleiches Geld für gleiche Leistung", sollte das Credo lauten. (csc)

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