Warum Schwangerschaften "ansteckend" sind

Die Geburt eines Kindes kann zu einer Kettenreaktion führen.
Die Geburt eines Kindes kann zu einer Kettenreaktion führen.iStock
Wie internationalen Studien herausfanden, kann sich eine Schwangerschaft im Bekanntenkreis positiv auf den eigenen Kinderwunsch auswirken.

Mit Ende 20, Anfang 30 fängt es an. Eine Freundin erwartet ihr erstes Kind. Via Whatsapp werden Fotos geteilt, bald ist man zu Babypartys eingeladen und plötzlich sind auch weitere Freundinnen schwanger. 

Wissenschaftlich bewiesen

Dabei überkommt einen das Gefühl, dass Mutter werden irgendwie "ansteckend" sein könnte. Natürlich nicht wie eine Grippe, aber dennoch treten Schwangerschaften in einem Umfeld gehäuft auf. Einige Forscherinnen haben sich mit diesem Thema näher beschäftigt und herausgefunden, dass das soziale Umfeld tatsächlich Einfluss auf die eigene Familienplanung haben kann.

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2014 erschien im Fachblatt "American Sociological Review" eine Studie unter dem Titel "Does fertility behavior spread among friends?" Darin wurden 1.700 Frauen im Alter  von ca. 30 Jahren befragt. Dabei handelte es sich auch um Schulfreundinnen, die auch nach dem Abschluss befreundet blieben.

Freundinnen beeinflussen Lebensentscheidungen

Wie das Ergebnis zeigte, wird die Entscheidung ein Kind zu bekommen durch Freundeskreise beeinflusst. "Die Schwangerschaft einer Freundin hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, selbst Mutterzu werden", lautete das Fazit von den Soziologinnen Nicoletta Balbo und Nicola Barban.

Laut den Forscherinnen "steigt das Risiko einer Person, schwanger zu werden, nachdem eine Freundin ein Kind geboren hat" und erreicht "etwa zwei Jahre später einen Höhepunkt".

Generell zeigte die Studie, dass Freundinnen auch andere wichtige Lebensentscheidungen beeinflussen können. "Ein Kind zu bekommen (oder auch nicht) ist das Ergebnis mehrerer miteinander verbundener Entscheidungen und Verhaltensweisen, angefangen von sozialer Bindung über Sex, Verhütung und Abtreibung", schreiben die Autorinnen. "Jeder dieser Aspekte kann durch das Verhalten von Gleichaltrigen und Freundinnen beeinflusst werden."

Doch nicht nur Freundinnen bilden in dieser Frage einen wichtigen Faktor, auch ist das Phänomen unter Kolleginnen in der Arbeitswelt präsent. Eine Studie aus Deutschland des Staatsinstitutes für Familienforschung an der Universität Bamberg mit dem Titel "Sind Geburten ansteckend?" wertete Daten von rund 42.000 Frauen in 7.600 Betrieben aus und kam ebenfalls zu dem Schluss, dass eine Arbeitskollegin, die den Übergang zur Mutterschaft erfolgreich gestaltet hat, anregend auf andere Mitarbeiterinnen wirkt.

Kettenreaktion von der Kollegin zur Schwester

Weltweit berichteten Medien von einer Geburtenklinik in den USA an der neun Krankenschwestern gleichzeitig schwanger wurden. Eine kürzlich im Fachblatt "Demography" erschienene holländisch-deutsche Studie unter 600.000 Frauen, die zwischen 1970 und 1979 geboren sind, hat ebenfalls ergeben, dass Schwangerschaften in Betrieben eine ansteckende Wirkung haben. Die Untersuchung basiert auf Registerdaten aus den Niederlanden, die Angaben über Geschwister und Arbeitgeber enthalten.

"Die Studie konnte den starken Effekt auf die Schwangerschaftsrate von Frauen ausmachen, wenn in den letzten 24 Monaten eine Kollegin schwanger wurde. Auch die Größe der Firma hatte diesbezüglich einen Einfluss", erklärt Priv.-Doz. DDr. Michael Feichtinger, Leiter des Wunschbaby Institut Feichtinger in Wien in einer Aussendung.

Gerade in größeren Firmen mit ausgeprägten sozialen Interaktionen ist dieser Effekt besonders stark. "Die Schwangerschaft einer Kollegin hat laut dieser Studie einen ähnlich stark positiven und unmittelbaren Einfluss auf die eigene Schwangerschaftsrate wie die Schwangerschaft der eigenen Schwester. Besonders spannend ist jedoch, dass sogar das erweiterte Umfeld, also die schwangere Schwester einer Kollegin bzw. auch die schwangere Kollegin der eigenen Schwester sich zeitverzögert positiv auf die eigene Schwangerschaftswahrscheinlichkeit auswirkt,“ ergänzt Feichtinger aus den Ergebnissen der Studie.

Verhaltensmuster aus Umfeld werden übernommen

Laut den Forschern handelt es sich hier um einen "Spillover-Effekt". Damit ist die Kettenreaktion über die Netzwerkgrenzen gemeint. Auch der Gegeneffekt wurde in der Studie beobachtet. Wenn Frauen in ihrem Umfeld weniger Berührung mit Geburten hatten, bekamen sie mit niedriger Wahrscheinlichkeit Kinder.

Die Mechanismen, die den beobachteten Effekten zugrunde liegen, wurden in der Studie nicht erfasst. Dennoch liegen soziologische Gründe nahe. Menschen passen sich an die Verhaltensmuster ihres engen Umkreises an. Unser Verhalten wird durch soziale Kontamination - also beispielsweise Nachahmung oder Abgrenzung - erheblicher geformt, als es uns bewusst ist.

Netzwerkanalysen haben ergeben, dass es einen erheblichen Einfluss von guten Freunden und engen Kollegen auf das eigene Verhalten gibt. "Da die Entscheidung für ein Kind unter erheblicher Unsicherheit getroffen wird, sind die Erfahrungen sozialer Kontakte besonders relevant", heißt es in der Studie der Universität Bamberg aus dem Jahr 2012. 

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