Wie die Aufdecker an das Ibiza-Video kamen

Wie die Ibiza-Aufdecker an das Skandal-Video kamen und wie sie recherchierten – das Buch "Die Ibiza-Affäre" beschreibt Details.
"Wir wissen nicht, wen wir treffen. Wir wissen nicht, worum es genau geht. Wir wissen nicht, was man von uns will" – so beginnt das Buch "Die Ibiza-Affäre" der beiden Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer. Im Sommer 2018 kommt es zu einem ersten Treffen mit unbekannten Informanten in einem Hotel. Was so verschwurbelt beginnt, endet mit dem Sturz der Regierung in Wien.

„Bald nach einem ersten Gespräch meldet sich unser Kontakt – oder unsere Kontaktleute, das wollen wir in dem Buch bewusst offenlassen, um unsere Quellen zu schützen – wieder zurück".Noch ein Treffen.

„Nach einer kurzen Unterbrechung werden wir schließlich auf ein Hotelzimmer geleitet – und die Show beginnt. Alle Telefone werden ausgeschalten, eingesammelt und ins Badezimmer gebracht. Wir werden abgetastet, vermutlich nach Mikrophonen. Offenbar ist die Angst, dass jemand zuhören könnte groß. Aber wir haben das Gefühl, dass die andere Seite wesentlich nervöser ist." Denn: Es geht um Heinz-Christian Strache, damals Vizekanzler, und sein „möglicherweise strafbares Verhalten".

CommentCreated with Sketch.37 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. „Jemand habe Strache und Gudenus in eine Falle gelockt. Man habe ihnen schon 2017 eine Frau als steinreiche Russin vorgestellt, als Nichte eines Oligarchen, der angeblich Wladimir Putin nahestehe. Die Frau habe erklärt, sie wolle sie wolle sehr viel Geld nach Österreich bringen, das nicht auf eine Bank dürfe, also Schwarzgeld sei. Bei einem Treffen auf Ibiza sei die Sache eskaliert. Die Russin habe Wahlkampfhilfe zugesagt, indem sie die Kronen-Zeitung kaufen und auf FPÖ-Linie bringen würde. Und Strache habe im Gegenzug Dinge in Aussicht gestellt, die entweder illegal oder zumindest hochbrisant seien, Und all das, erklärt man uns, habe man hier auf Video", schreiben die Journalisten der Süddeutschen Zeitung.



"Wir legen niemanden herein"





„Die Haltung der SZ dazu ist sehr klar: Wir gehen nicht undercover. Wir filmen niemanden heimlich, wir legen niemanden herein und locken niemanden in die Falle", steht in dem Buch. Aber: „Laut deutschem Pressekodex sind verdeckte Recherchen nur erlaubt, wenn damit Information en von besonderem Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind". Deshalb beginnen die beiden, das Video auf seine Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Insgesamt gibt es rund 20 Stunden Filmmaterial von verschiedenen Kameras.

„Dann erreicht uns eine alarmierende Nachricht: Der Kontakt ist auch im Gespräch mit dem Spiegel, dem größten Konkurrenten. So wie wir das sehen, haben wir nur eine Wahl: Wir müssen das gemeinsam angehen". Eine Art Taskforce wird gegründet, auch österreichische Journalisten wie Falter-Chef Florian Klenk arbeiten an der Recherche mit. Die Truppe bekommt einen eigenen, absperrbaren Raum im SZ-Gebäude, verschlüsselte Handys und gesicherte Laptops. Doch auch der TV-Kabarettist Jan Böhmermann scheint das Video zu kennen.

Entscheidende Ohrenfotos





Ein Spezialist überprüft die Videos: Er vergleicht, ob eine reine Audio-Aufnahme von Ibiza der Tonspur des Videos entspricht. „Wenn nicht, wäre das ein Beleg für Manipulation. Dann will der Experte Ohrenfotos von Strache und Gudenus haben. Wir sind kurz irritiert – will er uns veräppeln? Aber er meine es ernst, die Ohrenfotos brauche er als Vergleichsmaterial. Menschliche Ohren, erfahren wir, sind so einzigartig wie Fingerabdrücke".



„Wir müssen noch überprüfen: Ob heimlich gemachte Videoaufnahmen in Spanien legal sind; ob die Strabag weniger Staatsaufträge bekommen hat, seit die FPÖ in der regierung ist; welchen Straftatbestand die Versprechen womöglich erfüllen, die Strache und Gudenus gegeben haben. Wir lassen das Video laufen, während wir stilecht Manner-Schnitten essen".

Cyberattacken





Am 15. Mai 2019 werden Strache und Gudenus von den Journalisten um Stellungnahmen gebeten. Alle Gutachten haben ergeben, dass das Video nicht manipuliert wurde. Es kommt zu Cyberattacken auf die Süddeutsche von Servern aus dem asiatischen Raum, Postfächer werden gehackt, bei Handys schalten sich plötzlich die Kameras ein.



Doch die Geschichte erscheint, Medien-Anwälte kommen zu dem Schluß, „das es in diesem Fall nicht nur erhebliches, sondern überragendes Interesse der Öffentlichkeit an Information und Berichterstattung gibt". Am 18. Mai tritt Strache zurück.



Infos zum Buch:



"Die Ibiza-Affäre, Innenansicht eines Skandals"

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-31660-5

272 Seiten, eBook

16,50 Euro





(GP)

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