Womit Influencer gerade zu kämpfen haben

Das Beispiel einer amerikanischen Modebloggerin führt uns vor Augen, dass Lifestyle-Influencer gerade mit einem möglichen Karriere-Fall konfrontiert sind.

Die Coronakrise hat nicht nur in jeden Bereich des Alltags eingegriffen, sondern fordert menschlich positive wie negative Nebenwirkungen. Das bekommen auch Prominente und Influencer zu spüren. Denn ihre Allmachtposition wird auf einmal von ihren Fans angezweifelt und die Kritik fällt nicht zurückhaltend aus, wenn es zu einem unsensiblen Verhalten kommt. Wenn draußen die alte Welt zusammenbricht, möchte man die polierte Scheinwelt im Inneren nicht sehen, die jetzt nur mehr ein verblasstes Symbol einer nun zu entwertenden scheinbaren Gleichheits-Mentalität darstellt.

Das prominenteste Beispiel, das die letzten Wochen medial und auf Sozialen Medien aufgrund ihres Fehlverhaltens zerlegt wurde, ist die 32-jährige New Yorkerin Arielle Charnas. Ein brilliantes, zugleich mahnendes Beispiel dafür, wie Influencer zu "Covidioten" verkommen.

Einstürzende Branche, Druck und Herausforderungen

Es scheint in den Sozialen Medien nur drei Wege zu geben, wie die aktuelle Situation seitens der Blogger zu behandeln ist: sensibel, aufmunternd oder die Krise schlicht ignorierend, indem man so weiter macht als wäre nichts geschehen. Zumindest augenscheinlich. Denn die eigene Betroffenheit geschieht auf einer anderen Ebene.

Für Influencer bedeutet die Krise in mehreren Bereichen eine enorme Herausforderung. Durch den Wegfall der Reise- und Beauty-Branche kommt es zu vielen abgesagten oder verschobenen Terminen, Events, Reisen, Buchungen, geplatzten Kampagnen und Werbe-Deals. Einige Unternehmen wissen zudem nicht, ob sie die Krise überhaupt überleben werden. Somit entfallen Geschäftspartner für die Blogger.

Mangelnder Content

Durch diesen Wegfall von Hauptinhalten fehlt es ihnen an Content. Dieser geht ihnen zudem durch die mangelnde Bewegungsfreiheit aus. Alles zentriert sich plötzlich nur mehr auf das eigene Zuhause. Ein wachsender Druck auf die Branche entsteht. Somit ist ihre Kreativität mehr denn je gefordert, um die zugenommenen Erwartungen und höheren Ansprüche ihrer Follower zu befriedigen. Diese verlangen nun oftmals keine Verblendung oder Ausflucht in eine Wunscherfüllung oder Idealvorstellung eines Modell-Lebens mehr, sondern rufen nach Authentizität. Dennoch macht fast jeder das gleiche, schaut voneinander ab und sieht davon ab, möglichst originellen oder zumindest ehrlichen Content zu liefern.

Die größten Fehler machen aber jene, die die Macht ihres Publikums unterschätzen. Denn immerhin ist Influencer ein demokratisch gewählter Beruf, der nicht als alleinherrschender Tyrann ausgeübt werden kann. Außer man ist auf einen tiefen Sturz vorbereitet. Denn seit die realen Probleme vom sich in Vergleichen verlaufenden Individualismus hin zum Kollektiv führen, bekommt auch die künstlich auferlegte Friend Zone zwischen Influencer und Followern nach und nach Risse.

Hass-Tiraden und Todesdrohungen

Dass das nicht gut ankommt, braucht keinen Kommentar. Genauso wenig, wie sich über die gesundheitlichen Risiken hinwegzusetzen und eine Sonderbehandlung zu erfahren. Das musste auch Arielle Charnas erkennen. Die Glaubwürdigkeit bei ihren Followern hat sie ebenso verloren wie die Aufträge bei großen Kunden wie Nordstrom, der ein offizielles Statement darüber abgab, dass die Zusammenarbeit nicht fortgesetzt würde. Da half auch ein schluchzendes Entschuldigungs-Video nicht mehr.

Kluft zwischen Influencern und Followern

Seit Wochen ist sie Zentrum der Gespräche in Sozialen Medien. Es gibt sogar einen eigenen Twitter-Thread, wo sich die Nutzer über ihr Verhalten äußern und aufregen. Vorwürfe, die nicht enden wollen und ein Bild eines einstigen Instagram-Lieblings, das sich zum Covidioten verwandelte. Angeprangert wird das Drama um ihre Gesundheit, ihr öffentlicher Umgang mit der Corona-Krise, die Verblendung privilegierter Menschen, die in einer zu fotogenen Welt leben.

Doch dahinter steht noch ein größeres gesellschaftspsychologisches Phänomen: Die Kluft zwischen privilegierten Social-Media-Stars und ihren Followern wird spürbar. Sie erkennen nun, wie unterschiedlich und ungerecht die Rechte verteilt sind und dass die Community auf dem Schein eines gleichwertigen Miteinanders basiert. Damit auch der Unmut der Follower.

Reisen mit Corona

Vor drei Wochen begann sie diverse Symptome zu dokumentieren, die ihr verdächtig erschienen. Zunächst fand sie niemanden, der sie testen wollte. Dann kontaktierte sie jedoch einen befreundeten Arzt. Das erste, was ihre Follower ihr verübeln.

Dann filmte sie die medizinische Behandlung auch noch öffentlich, wohlwissend dass unzähligen Menschen in Amerika und auf der ganzen Welt der Zugang dazu verwehrt bleibt. Schließlich erhielt sie ein positives Testergebnis und reagierte auf die Kommentare, indem sie erklärte, sie wäre sich über ihr Glück bewusst. Dann hätte sie, wie jeder andere auch, in Selbst-Isolation gehen sollen.

Obwohl der New Yorker Bürgermeister Andrew Cuomo sogar darauf verwiesen hatte, dass Städter nicht in weniger dicht besiedelte Gebiete reisen sollten, um dort nicht eine Ausbreitung zu unterstützen (immerhin ist New York das Epizentrum der Epidemie in den USA), fuhr sie zu den Hamptons, wie viele andere wohlhabende New Yorker. Acht Tage nach dem positiven Testurteil war sie mit ihren zwei Töchtern, ihrem Mann und ihrer Nanny auf einem Foto zu sehen. Letztere wiesen dann ebenfalls Symptome auf. Deswegen werden ihr Verantwortungslosigkeit und Ignoranz vorgeworfen. Das Bewusstsein über die finanzielle und gesellschaftliche Ungleichheit zwischen „Zuschauern" und „Performern" steigt mit so einem Beispiel und die Empörung ist groß, auch bei der Anhängerschaft.

Das machen österreichische Blogger

Vicky Heiler ist mit 132.000 Abonnenten eine der erfolgreichsten Influencer im Land, nimmt in ihren Postings Bezug auf die Krise, konzentriert sich aber auf die positiven Seiten. Außerdem wirbt sie in bezahlten Outfit-Posts.

Anna Posch von @poschstyle filmt Yoga-Einheiten, zeigt sich ungeschminkt und ruft ihre Follower dazu auf zuhause zu bleiben.

Carola Pojer erzählt von den Herausforderungen der Selbstisolation. Sie hat die Initiative #ViennaLovesLocals ins Leben gerufen, Lokale während der Krise zu unterstützen.

Auf Karin Teigls (@constantly_k) Kanal gibt es Workout-Tipps und einen bewussten Umgang mit der Krise. Außerdem hat sie eine Charity-Box gegründet:

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