Bei einem Frontalzusammenstoß zweier Züge am Samstagabend im Süden Polens sind mindestens 16 Menschen getötet worden. Etwa 60 Menschen wurden nach Angaben örtlicher Behörden verletzt, 30 davon schwer, teilte die Polizei mit. Es wurde befürchtet, dass die Zahl der Toten noch weiter steigen könnte. Das Unglück ereignete sich in dem Ort Szczekociny in der Nähe der Stadt Zawiercie nördlich von Krakau.
"Die ersten drei Waggons waren wie eine Ziehharmonika ineinandergeschoben. Ich war am Anfang des vierten Waggons eingeklemmt, nur einen halben Meter hinter dem Bereich der größten Zerstörung. Als es mir endlich gelang, auf den Korridor zu gelangen, dankte ich Gott." So zitierte das Internetportal wyborcza.pl einen der Überlebenden. Im TV-Sender TVN24 atmete ein anderer erleichtert auf: "Nur zwei Waggons haben mich vom Tod getrennt!"
+++ Züge krachten in Polen frontal ineinander +++
Die Erleichterung, gerade noch davongekommen zu sein, ist eine der am häufigsten zu hörenden Reaktionen. "Ich habe gesehen, wie sie aus den anderen Waggons die Leichen herausholten", erzählten gleich mehrere Passagiere. "Es war für mich ein Schock, einfach ein Schock, als ich die vielen Leichen sah", beschrieb auch einer der ersten am Unglücksort eingetroffenen Retter seine Eindrücke.
Eingequetschte Menschen und Körperteile
Manche können sich gar nicht richtig an den Unfallhergang erinnern. "Vor dem Aufprall lehnte ich mit dem Kopf in Richtung zum Gang in meinem Sitz. Und plötzlich lag ich mit den Füßen nach oben auf der Wand des umgekippten Waggons, um mich herum schrien Menschen um Hilfe. Dazwischen erinnere ich mich nur an den Lärm, wenn Metall auf Metall schlägt", erzählt der Ukrainer Wladymir Wydra im Fernsehen.
"Zuerst hörten wir einen großen Krach und fielen aus unseren Sitzen. Dann sahen wir schon zwischen den Sitzen eingequetschte Menschen und Körperteile im Zug und auch außerhalb", schildert ein anderer Leichtverletzter seine Wahrnehmungen.
Hilfsbereitschaft unter Passagieren
Auch unter den Zugpassagieren zeigte sich sofort spontane Hilfsbereitschaft: "Viele waren im Schock, manche weinten, manche hatten Glassplitter im Gesicht. Aber viele leichter Verletzte haben auch sofort angefangen, schwerer Betroffenen zu helfen. Wir begannen, den Leuten, die sich nicht bewegten, den Puls zu messen, ob sie noch lebten. Nach einer Weile baten uns dann schon Polizisten, den Zug zu verlassen."
Erste Fernsehbilder zeigten eine gespenstische Szenerie: Aus dem Dunkel der Nacht heraus macht das Blaulicht der zahlreichen Einsatzfahrzeuge den Unglücksort von weitem sichtbar. Direkt vor an Ort und Stelle dann die Trümmer von buchstäblich aufeinander liegenden Eisenbahnwaggons. Hunderte Retter - nach offiziellen Angaben 450 Feuerwehrleute und 100 Polizisten - steigen in dem Chaos herum, um noch Verletzte zu finden. Darüber Hubschrauberlärm vom Abtransport der Schwerverletzten.
Größte Eisenbahnkatastrophe seit Jahren
Auf fünfzehn Krankenhäuser mussten die Verletzten in der Nacht aufgeteilt werden. Direkt am Unfallort wurden Zelte für die anderen Fahrgäste aufgestellt. Für Angehörige wurde eine Informations-Hotline eingerichtet. Die Wojwodschaft (Regionalverwaltung) organisierte kostenlose Transporte, damit sie verletzte Familienmitglieder in den Krankenhäusern besuchen konnten.
Premierminister Donald Tusk und Verkehrsminister Slawomir Nowak, die beide noch in der Nacht am Unglücksort eintrafen, sprachen fast wortgleich von der "größten Eisenbahnkatastrophe seit Jahren" in Polen. Die Medien konkretisierten anschließend, es sei die größte Tragödie, seit 1990 bei Warschau 16 Menschen ums Leben gekommen seien. Gesundheitsminister Bartosz Arlukowicz besuchte am Sonntagmorgen mehrere Krankenhäuser, in die Verletzte eingeliefert worden waren. Aus den Nachbarländern trafen Beileidstelegramme von Staatsoberhäuptern und Regierungen ein.
Staatstrauer in Polen
In den ersten Stunden nach dem Zusammenstoß am Samstag um 21.00 Uhr mussten die Opferzahlen mehrfach korrigiert werden. Noch kurz vor Mitternacht meldeten Retter neuerlich Kontakt zu vorher noch nicht entdeckten Eingeschlossenen. Erst am Sonntagmittag meldete TVN24, dass ein sechzehntes Todesopfer in den Trümmern gefunden worden sei. Staatspräsident Bronislaw Komorowski kündigte am Sonntag eine Staatstrauer nach Beendigung der Rettungsarbeiten an.