Experte: "Elektroautos sind nicht die Lösung"

"Heute" hat mit dem Mobilitäts-Experten Florian Lorenz gesprochen. Er beantwortet Fragen zum Thema E-Mobilität, Stadtentwicklung und Klimabilanz.
Strom statt Treibstoff? Reichen Investitionen in Elektroautos, um Schäden für die Umwelt und das Klima abzuwenden? Nein, sagt der Mobilitäts-Experte Florian Lorenz.

"Heute": Können Elektroautos das Klima retten?

Florian Lorenz: Die Elektrifizierung des Verkehrs wird eine wichtige Rolle spielen, um unseren CO2-Verbrauch zu senken, kann aber diese Herausforderung nicht alleine bewältigen. Elektroautos werden oft als eine einfache Lösung für ein "grünes Gewissen" wahrgenommen.

So einfach ist das jedoch nicht. Elektroautos haben viele Vorteile, aber im aktuellen Stadium der Entwicklung ist die Klimabilanz noch lange nicht "emissionsfrei". Mit einem Elektroauto setzen wir immer noch zwischen 20-50 % der Emissionen eines vergleichbaren Verbrennungsmotors frei, je nach Energiequelle. Für eine positive Veränderung, an die ich glaube, müssen noch mehrere Faktoren zusammenkommen.

Wäre es sinnvoll, einfach die Autos mit Verbrennungsmotoren durch Elektroautos zu ersetzen?

Wir würden die Klimaziele des Verkehrssektors nicht erreichen, wenn statt Verbrennern nur mehr Elektroautos auf den Straßen wären, aber noch immer die gleiche Anzahl. Wir hätten insgesamt immer noch zu viele CO2-Emissionen, um die Klimaziele zu erreichen. Wegen der Emissionen, die in der Herstellung anfallen und durch die Bereitstellung der Energie.

Zur Person

Florian Lorenz (florianlorenz.com) ist Konsulent für interdisziplinäre Stadtplanung und Kommunikationsaufgaben mit den Schwerpunkten Mobilität, Bürgerbeteiligung und post-fossiler Urbanismus.
Ein Problemkind ist derzeit noch die Herstellung der Batterien. Mit einer 100 kWh Batterie für ein durchschnittliches eAuto fallen derzeit circa 17 Tonnen CO2-Emissionen an. Zusätzlich werden alleine an die 80.000 Liter Grundwasser dafür verbraucht, das benötigte Lithium in Südamerika aus dem Boden zu lösen.

CommentCreated with Sketch.18 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Dem wachsenden Bedarf an seltenen Erden und Metallen, die für eAutos in wachsendem Ausmaß benötigt werden, stehen bisher ungelöste Probleme beim Abbau dieser Rohstoffe entgegen. Für den Kauf eines eAutos spielen diese negativen Umwelteffekte aber für uns kaum eine Rolle. Das sind neue Herausforderungen und mögliche ökologische und soziale Probleme, auf die wir derzeit zusteuern.

Wann werden Elektroautos für den Massenmarkt interessant?

Wir stehen in der Entwicklung erst am Beginn. eAutos sind noch ein Nischenprodukt und derzeit wird die Antriebsform eines klassischen Autos im Privatbesitz von Verbrenner in Elektroantrieb ersetzt.

Wir verschlafen gerade die Möglichkeit für eine transformative Verkehrswende und überlegen uns kaum: Was wollen wir mit dieser Veränderung in unserem Verkehrssystem eigentlich erreichen? Welche Art von Mobilität wollen wir für die Zukunft?

Eine Neu-Definition des Automobils, die sich an der Tragfähigkeit des Klimasystems (der Erde) ausrichtet, würde bedeuten, dass wir zwar Autos in Zukunft noch verwenden, unsere Mobilität aber ganz neu aufstellen.

Mit so einer Perspektive werden Autos interessant, die an die jeweilige Nutzung angepasst sind. Zum Beispiel in Städten Autos mit geringer Reichweite, kompakter Form und angepassten Geschwindigkeiten. Oder fürs Land selbstfahrende Kleinbusse, die den Pendelverkehr als gemeinschaftliches Erlebnis ermöglichen.

Ein Massenmarkt mit möglichst großen eAutos, die jede und jeder von uns einzeln besitzt, wird mit einer klimagerechten Perspektive nicht vereinbar sein. Das geht sich global gesehen von den Ressourcen her einfach nicht aus.

Warum ist das Thema Auto so emotional?

Das Auto ist für viele Menschen ein ganz wichtiger Bestandteil des Alltages, ein Privatraum, der uns alleine exklusiv zur Verfügung steht. Wenn wir alleine im Auto sitzen, nehmen wir uns selbst in diesem Privatraum wahr. Trotzdem donnern wir aber gerade mit 50 Sachen durch den Lebensraum von ganz vielen anderen Menschen. Diese parallelen Realitäten lösen dann oft Konflikte aus.

Viele Menschen sind auch bereit, einen großen Teil ihrer Einnahmen in die Mobilität im Auto zu investieren. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Einen bedeutet ein Auto Freiheit, Unabhängigkeit, persönlichen Freiraum, zum Anderen ist es ein Weg, unseren Status in der Gesellschaft zu verdeutlichen.

Wenn wir uns nun also überlegen, wie wir uns von diesem Auto-System befreien können, fühlt sich das für viele Menschen an, als ob ihnen etwas weggenommen wird. Im Gegensatz dazu wird aber ganz viel Neues möglich, wenn wir zum Beispiel in unseren Städten mit weniger Autos auskommen.



Was müsste sich in Städten ändern?

Die Attraktivität von Städten steigt weiterhin an. Immer mehr Menschen wollen in Städten leben und den gemeinschaftlichen Stadtraum – den öffentlichen Raum – für Spazieren, Shoppen, Bewegung, Spiel und vieles mehr nutzen. Das schafft aber auch ein Platzproblem.

Es entsteht der einfache Konflikt: Parkplatz versus Lebensraum.

Den Raum in der Stadt für das Abstellen privater PKWs zu verwenden wird ein großer Luxus, wenn diese Flächen eigentlich von vielen Menschen anderweitig genutzt werden könnten oder diese Räume zur Pflanzung von Stadtbäumen benötigt werden. Um die Städte in der Klimakrise ausreichend beschatten zu können, müssen wir jetzt damit anfangen, Parkplätze in Standorte für Stadtbäume umzuwandeln.

Wie müssen sich unsere Städte entwickeln?

In Städten müssen wir ein Verkehrssystem etablieren, das lokal ganz klar die muskelbetriebenen – und einzig wirklich emissionsfreien Fortbewegungsmittel – nämlich das Gehen und das Radfahren priorisiert. Darauf aufbauend muss ein gutes Netz an öffentlichem Verkehr das Gehen an weiter entfernte Orte ermöglichen. Für zusätzlich auftretende Bedürfnisse kann es dann Autos geben, die aber nicht auf öffentlichen Flächen ungenützt, als Stehzeuge, herumstehen sollten.

Vieles von dieser Umwandlung unseres Verkehrssystems passiert gerade in unseren Städten und wir entdecken, dass sich die Lebensqualität in Städten ganz wesentlich verbessern kann. Das Verkehrssystem kann eine wesentliche Rolle spielen, nicht nur für die Umwelt eine Verbesserung zu bringen, aber auch für unsere Gesundheit und Geldbörsen positive Effekte zu haben.

Wenn wir uns nun fragen: "Wie geht's weiter mit dem eAuto", dann stehen wir jetzt an einem Punkt an dem wir uns überlegen sollten, wie wir diese Technologie verwenden wollen. Wir sollten diese Entscheidungen im Sinne einer klimagerechten und menschengerechten Zukunft treffen.

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