"Mach mal die Bluse auf, man sieht ja gar nichts!"

Eine 30-jährige Grazerin dokumentiert auf Twitter ihre Begegnungen mit Alltagssexismus in der Arbeitswelt. Tausende Menschen teilen ihre Tweets.

Ashley Winkler aus Graz arbeitet als freiberufliche Art Directrice und Grafikerin und engagiert sich aktiv in der Flüchtlingshilfe. Außerdem twittert sie. Und zwar regelmäßig. Über ihr Leben, ihren Job, ihre Höhen und Tiefen. Und über "sexistischen Bullshit", der ihr in der Arbeitswelt begegnet, wie sie selbst sagt.

Sexismus ist leider noch Alltag

"Wenn du nur 8 bis 10 Stunden am Tag arbeiten willst, dann such dir doch was anderes. Putzen oder so", soll man ihr beim Job in einer Werbeagentur an den Kopf geworfen haben. Sie solle doch mehr Haut zeigen, die Kaffeemaschine reinigen oder sich doch nicht "so" haben, wenn sie ihren Unmut über unerwünschte körperliche Annäherungen äußert.

Mehr als 50 solcher Beispiele hat die junge Frau bisher gepostet, die von fast 3.000 Leuten gelikt und 2.000 Menschen geteilt wurden. Mit ihrem Thread will Ashley darauf aufmerksam machen, wie alltäglich und normal Sexismus – gerade in der Arbeitswelt – noch immer ist.

Dein Thread mit sexistischen Sprüchen und Aussagen, die du selbst erlebt hast, ist ja ziemlich lang. Über welchen Zeitraum hinweg hast du gesammelt?

Ich habe diese Aussagen über einen Zeitraum von mehr als 12 Jahren gesammelt, in Agenturen und Unternehmen, bei denen ich entweder fest angestellt war oder als Freelancer gearbeitet habe.

Kommen da noch weitere dazu?

Ja, leider. Die Aussagen, die es auf Twitter geschafft haben, sind nur die Spitze des Eisberges. Sexismus in der Arbeitswelt fängt schon bei scheinbar ganz harmlosen Aussagen und Taten an und manifestiert sich in einem ständigen Kampf ums Ernstgenommenwerden.

Was war das Schlimmste, das dir bisher im Arbeitsumfeld passiert ist?

Eine Aussage, die tatsächlich erst vor Kurzem geschah. Ich war auf einer Weihnachtsfeier von einer kleinen Agentur. Der Chef, Mitte 50, schon gut einen sitzen, steht plötzlich neben mir, lobt meine Arbeit und dann habe ich auf einmal seine Hand auf meinem Rücken, die sich ganz langsam nach unten bewegt. Er beugt sich zu mir runter, lächelt süffisant und meint: "Du, bei Deinem Stundenlohn, da müsst schon noch was extra dabei sein, was?" und ich hatte seine Hand auf meinem Hintern. Meine Antwort darauf: "Ein Schlag ins Gesicht ist noch immer drin."

Wie sind die Reaktionen auf deine Sammlung bisher?

Einmal quer durch die Bank. Ich habe unzählige Mails – nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern, Menschen mit Migrationshintergründen und aus der LGBTQ-Community – bekommen, die mir ihre Erlebnisse von Alltagssexismus und -rassismus geschildert haben. Und natürlich eine Menge negativer Kommentare: Das ging von Beleidigungen über Unterstellungen ich hätte das alles nur erfunden bis zu sehr gewaltvollen, sexuellen Sprüchen. Ich müsste doch nur mal zum harten Sex genötigt werden, damit ich den ganzen Feminismus-Scheiß vergesse und so.

Wie reagierst du, wenn beim Bewerbungsgespräch jemand so einen Spruch fallen lässt?

Unterschiedlich. Wenn wage Aussagen kommen, wie etwa die Aussage, dass Frauen ja eine Woche pro Monat nicht arbeitsfähig sind und deswegen weniger Geld verdienen sollten, frage ich ganz naiv: "Welche Woche wäre das denn? Habt ihr da ein genaues Datum?" Wenn sich die Fragen auf Familienplanung beziehen, gebe ich gerne die Frage zurück und frage ganz plump, ob sie Männern das gleiche fragen würden. Wenn das alles nichts hilft, stehe ich auf und gehe.

Hast du Tipps - vor allem für Frauen - wie man sich in solchen Situationen verhalten sollten?

Ich bin jemand, der gerne das Gespräch sucht und sagt, was nicht passt. Oft geht das natürlich nicht. Vermeiden mit den Tätern alleine zu sein, ist ein guter Anfang. Zeugen sind in den meisten Fällen nötig. Ganz wichtig aber: Abstand nehmen! Vor allem emotional. Nicht aus dem Affekt handeln, sondern sich erst beraten lassen, was man tun kann.

Welchen Stellenwert hat Feminismus für dich persönlich?

Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe, dass Feminismus diese radikale Einstellung wäre, die versucht Frauen über Männer zu stellen. Was totaler Schwachsinn ist. Auch finde ich die Formulierung "Alle sollten die gleichen Rechte wie Männer haben" ein wenig schwammig. Wenn wir hier Männer sagen, reden wir vor allem von einer Gruppe an weißen, privilegierten, heterosexuellen Männern, die zwar nur einen kleinen, aber sehr mächtigen Teil der Gesellschaft ausmachen. Feminismus kämpft nicht nur für Frauen, sondern für eine Gleichberechtigung aller Menschen. (ben/red/Tilllate)

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