Lungenarzt feiert Debütroman

Autor über die Coronafolgen: "Brüche sind weiter da"

Die Corona-Pandemie hat tiefe Risse in der Gesellschaft hinterlassen. Ein Wiener Lungenfacharzt verarbeitet sie in seinem Debütroman "Bruchlinien".
Anna Wallinger
06.07.2026, 06:00
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Als Lungenfacharzt stand er während der Corona-Pandemie an vorderster Front. Jetzt verarbeitet Gernot Rainer die prägendste Zeit seiner Karriere auf ganz andere Weise: mit seinem Debütroman "Bruchlinien". Darin erzählt er nicht von Viren oder Intensivstationen, sondern von den tiefen Gräben, die die Pandemie mitten durch Familien, Freundeskreise und Klassenzimmer gezogen hat.

"Der Titel war relativ früh klar und ist auch programmatisch für das Buch", erzählt der Autor im Gespräch mit Heute. Denn genau um diese Brüche geht es.

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"Freundschaften wurden zerrissen"

In seiner Ordination erlebte der Mediziner die Pandemie hautnah. Doch nicht nur medizinisch habe ihn diese Phase beschäftigt. "Ich bin Arzt in einer Ordination, d. h. ich hatte natürlich von beruflicher Seite mit der Erkrankung zu tun. Das war eine furchtbar prägende Zeit und es war medizinisch auch viel zu tun. Im Grunde haben mich aber die Geschichten meiner Patienten dazu bewegt, das Buch zu schreiben."

Besonders erschüttert hätten ihn die gesellschaftlichen Folgen: "Da wurden Freundschaften zerrissen und Lager gebildet, die sich plötzlich feindlich gegenübergestanden sind." Schon damals habe er befürchtet, dass diese Verletzungen nicht einfach verschwinden würden. "Meine Befürchtung war, dass die Verletzungen und seelischen Wunden nicht so leicht vorübergehen werden. Diese Brüche sind weiter da und sie können durch neue Konflikte jederzeit wieder aufbrechen."

Ein Lehrer zwischen allen Fronten

Im Mittelpunkt des Romans steht Lehrer Paul – ein Idealist, der versucht, in einer aufgeheizten Zeit den Überblick zu behalten. "Mir war es wichtig, alle Figuren gleichwertig zu behandeln. Aber natürlich bricht sich alles hinunter auf den Charakter von Paul." Der Pädagoge versuche, alle Beteiligten mitzunehmen. Doch je länger die Pandemie dauert, desto stärker prallen unterschiedliche Weltbilder aufeinander. "Verschiedenste Forderungen und Wünsche kommen zusammen und brechen auf den Lehrer ein, der versucht, einen Ausgleich zu schaffen. Im weiteren Verlauf kommt es zu einem tragischen Ereignis und dann eskaliert die Geschichte."

"Ein Plädoyer für Verständnis"

Für den Autor geht es aber nicht darum, Schuldige zu suchen. Vielmehr wolle er zeigen, warum Menschen zu unterschiedlichen Weltanschauungen gelangen. "Ich glaube, wenn man nur gedanklich versucht, eine Zeit lang in den Schuhen eines anderen zu gehen, kann man verstehen, wie die Leute zu diesen Überzeugungen gekommen sind, anstatt sie gleich zu schubladisieren."

Genau darin sieht er auch die Botschaft seines Romans: "Das Buch ist als ein Plädoyer für Verständnis zu sehen. Die Idee ist, diese unterschiedlichen Positionen erlebbar zu machen."

"Die Bruchlinie bleibt"

Dass ihn als Arzt ausgerechnet ein medizinisches Bild besonders beschäftigt, überrascht wenig. Seine Sicht auf die Gesellschaft beschreibt er mit einer Analogie, die ihm aus dem Berufsalltag vertraut ist.

"Corona hat die Gesellschaft auf jeden Fall verändert. Wenn ein Knochen bricht, findet eine Heilung statt, indem das Zerbrochene wieder zusammenwächst. Die Bruchlinie kann man allerdings noch lange im Röntgen sehen. Es bleibt eine Sollbruchstelle – und wenn nochmal Druck darauf ausgeübt wird, kann diese jederzeit wieder brechen."

Schreiben als lang gehegter Traum

Im Interview verrät Rainer weiters, dass ihn das Schreiben schon lange begleite. "Mit 'Bruchlinien' habe ich mich das erste Mal getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen."

Auch Hauptfigur Paul trägt einiges von ihrem Erfinder in sich. "Die Figur von Paul trägt doch einige Charakterzüge von mir: den Hang zum Stoizismus sowie die Interessensfelder Geschichte und Philosophie. Ich würde aber sagen, dass meine Person weniger zögerlich ist als die von Paul."

Mit "Bruchlinien" liefert der Lungenfacharzt keinen klassischen Corona-Roman – sondern eine Geschichte darüber, was von einer Krise übrig bleibt, wenn die Masken längst verschwunden sind.

{title && {title} } wall, {title && {title} } Akt. 06.07.2026, 09:47, 06.07.2026, 06:00
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