Der 6. Juni – ein Samstag – war ein richtig schöner Sommertag: Strahlender Sonnenschein, windstill und keinerlei Anzeichen eines Unwetters. "Ich bin gegen 13.30 Uhr mit meinem Auto den Döblinger Gürtel hinaufgefahren. Auf Höhe Glatzgasse ist plötzlich ein Baum auf mein Auto gekracht", berichtet Tamara S. (50).
Der Baum stürzte quer über den Döblinger Gürtel und traf den zwei Jahre alte Lexus (Neupreis: 51.000 Euro) der Wienerin mit voller Wucht: "Ein Ast hat sich durch die vordere Windschutzscheibe gebohrt, die hintere Scheibe wurde komplett eingeschlagen."
Feuerwehr und Rettung rückten zum Unfallort aus. Tamara S. blieb unverletzt – auch "Louie", der vierjährige Hund einer Freundin, der auf der Rückbank saß, kam mit dem Schrecken davon. "Ich war total unter Schock. Zum Glück bin ich ohne Kratzer ausgestiegen – es grenzt an ein Wunder." Erschreckend: "Mein Auto hatte ein Panorama-Schiebedach. Das habe ich fünf Minuten vor dem Unfall noch zugemacht. Hätte ich das nicht gemacht, wäre ich vielleicht tot gewesen."
Besonder ärgerlich: Der Lexus hatte erst schlappe 18.000 Kilometer auf dem Tacho. Nach dem Unfall ist er ein Totalschaden. "Zum Glück hatte ich eine Vollkasko-Versicherung, die den Schaden übernommen hat. Aber ich stand plötzlich ohne Auto da und musste mir – da ich auf eines angewiesen bin – ein neues kaufen bzw. die Vorauszahlung leisten. Der ganze Fall hat mich Zeit, Mühe, Amtswege und auch Geld gekostet."
Nach dem Unfall erstattete Tamara S. Anzeige bei der Polizei. Ihre Versicherung wandte sich zudem an die Stadt Wien beziehungsweise die zuständigen Wiener Stadtgärten (MA 42). Diese leiteten den Schadensfall wiederum an ihre Versicherung weiter.
Doch die Versicherung wies die Schadenersatz-Ansprüche zurück: "Dieser Vorfall ist durch das Umstürzen eines Baumes verursacht worden, welcher sich bei der letzten periodischen Kontrolle vor diesem bedauerlichen Vorfall am 19.08.2025 als grün und vital und somit als verkehrssicher präsentiert hat. Es wurden durch den externen Prüfer keine Maßnahmen festgelegt", heißt es seitens der Versicherung.
Weiters wird darauf verwiesen, dass der Baum regelmäßig kontrolliert worden sei und der Schaden deshalb nicht vorhersehbar und verhinderbar gewesen sei: "Indem vorschriftsmäßig kontrolliert und das Ergebnis aufgezeichnet wird, hat die MA 42 ihre Verkehrssicherungspflichten in ausreichendem Maße – wie von der Judikatur vorgegeben – erfüllt." Daher bestehe auch kein Anspruch auf Schadenersatz.
Die Antwort überraschte Tamara S.: "Diese Reaktion fand ich schon heftig. Das Ganze ärgert mich dermaßen. Es geht mir nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen, dass sich die Stadt abputzt. Was wäre gewesen, wenn ich verletzt worden wäre?"
Eine Sprecherin der Wiener Stadtgärten erklärt auf "Heute"-Anfrage, dass es sich um eine rund 60 Jahre alte Linde gehandelt habe: "Der betreffende Baum wurde zuletzt am 19. August 2025 im Rahmen der regelmäßigen Baumkontrolle gemäß ÖNORM L 1122 von einem beauftragten Sachverständigen geprüft. Im Zuge dessen konnten keine sichtbaren Schäden festgestellt werden, wodurch auch keine Maßnahmen ausständig waren."
Nach dem Unfall sei der Baum erneut untersucht worden: "Das Versagen wurde durch einen im Wurzelbereich liegenden Defekt verursacht, von dem sich offenbar eine Holzfäule in die Stammbasis ausbreitete, welche von außen nicht erkennbar und daher das Schadereignis nicht vorhersehbar war." Die MA 42 betont, dass Stadtbäume regelmäßig von zertifizierten Baumkontrolleuren überprüft werden. Dabei würden Gesundheitszustand, Stamm, Krone, Wurzelbereich und Verkehrssicherheit (optisch) kontrolliert.