Bobic wurde 1997 DFB-Pokalsieger mit Stuttgart, erreichte mit den Schwaben auch das Finale im Europacup der Cupsieger 1998. Und spielte in Dortmunds Meister-Saison 2001/02 für die Schwarz-Gelben. Alles überstrahlt jedoch der EM-Titel 1996. Bobic weiß, wie es sich anfühlt, ein ganz großes Turnier mit der Nationalmannschaft zu gewinnen. Deshalb ist der Deutsche überzeugt, dass nicht unbedingt die beste Mannschaft Europameister werden muss.
Im Gespräch mit "Heute" plauderte Bobic auch über die Chancen der österreichischen Nationalmannschaft, Trainer Ralf Rangnick, den Bobic schon 35 Jahre kennt, und den Traum Deutschlands vom EM-Titel "dahoam".
Herr Bobic, wird die beste Mannschaft Europameister?
Fredi Bobic: Muss nicht sein. 1996 haben wir in England nicht den besten Fußball gespielt, holten dennoch den Titel. Aber: Wir wollten mehr als alle anderen, gingen durch dick und dünn. Von den 23 Spielern wurden 21 eingesetzt, nicht umsonst hat Berti Vogts gesagt: Der Star ist die Mannschaft.
Anders gefragt: Wer gewinnt diesmal?
Ich habe keinen Top-Favoriten. Ich bin gespannt auf die Engländer, die normalerweise nach der langen Saison Probleme haben. Aber vom Talent her sind sie mit den Franzosen gleich auf. Ich bin auch gespannt, ob es Frankreichs Teamchef Deschamps gelingt, seine Spieler hungrig zu bekommen. Für die sind Endspiele eine Selbstverständlichkeit. Aber es gibt immer wieder Überraschungen. Die Kroaten hatte man zuletzt nie auf dem Zettel, aber trotzdem waren sie immer im Halbfinale. Oder eine andere Mannschaft wie zum Beispiel Österreich.
Sie schätzen Österreich so stark ein?
Ja, aber so denke nicht nur ich, sondern ganz Deutschland. Auch wenn sie in einer richtig fiesen Gruppe spielen. Andererseits ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Es könnte sogar ein Vorteil sein, denn in so einer Todesgruppe bist du sofort im Turnier drinnen. Ich sehe Österreich auf jeden Fall in der K.o.-Phase.
Was zeichnet das ÖFB-Team aus?
Die Mannschaft besticht durch einen klaren Plan von Ralf Rangnick. Er kann seine Teams sehr gut auf den Gegner einstellen und er zieht zugleich sein eigenes Spiel durch. Wenn die Österreicher halb so stark auftreten wie in der Qualifikation und im Freundschaftsspiel gegen Deutschland, dann ist ihnen viel zuzutrauen. Sie müssen aber den Mut dazu haben, den sie bei den letzten Turnieren nicht gezeigt haben.
Wie lange kennen Sie Rangnick schon?
Ich habe ihn in der Saison 1988/89 kennengelernt, da war er damals noch bei Ulm und hat nebenbei beim VfB Stuttgart als Reha-Trainer gearbeitet. Er war dann auch mein Coach beim VfB. Ich habe ihn auch nachher immer verfolgt, was er macht und wie er es macht. Ich sehe ihn als Fußballlehrer, der optimal eine Mannschaft zusammenstellt. Er wird in Zukunft auch die Strukturen im Verband so anpassen, dass der österreichische Fußball noch mehr gewinnen kann. Das ist seine Marke, darum hat er auch den Bayern abgesagt.
Wir reden fast nur über Österreich, wie schätzen Sie Deutschland ein?
Alles hängt vom ersten Spiel ab, schlagen sie Schottland, was sicher nicht leicht wird, auch weil es das Eröffnungsspiel ist, dann entsteht im ganzen Land eine Riesen-Euphorie. Die Fans können die Mannschaft dann nach vorne peitschen. Das Halbfinale ist aber Pflicht. Jürgen Nagelsmann wird es gelingen, eine gute Harmonie in die Truppe zubekommen.
Zurück zu Österreich, verfolgen Sie unseren Fußball?
Immer schon, als Jungspund wohnte ich in Maribor, das ist nicht weit von Graz entfernt. Da habe ich regelmäßig ORF geschaut, vor allem die Hallenturniere im Winter haben mich begeistert. Und als sich Sturm mit einem 2:1-Sieg gegen Feyenoord 2000 für die Champions League qualifiziert hatte, war ich live im damaligen Arnold-Schwarzenegger-Stadion. Dass Sturm jetzt Meister geworden ist, tut der ganzen Liga gut. Alle haben jetzt gesehen, dass ein Verein, der wirtschaftlich nicht mit Red Bull Salzburg mithalten kann, es trotzdem schaffen kann.
Was erwarten Sie von Jerome Boateng beim LASK?
Sportlich eine Bereicherung, er wird mit seiner Erfahrung dem Team guttun. Ich habe bei Hertha BSC mit ihm noch zusammengespielt, er bringt im Fußball alles mit, was man braucht.
Apropos Hertha: Sie haben jetzt ein Gerichtsverfahren gewonnen. Wann sehen wir Sie wieder auf der Fußballbühne?
Ich fokussiere mich schon auf neue Aufgaben, bin viel in Europa unterwegs und spreche mit Vereinen. Ich bin offen für alles, es muss nicht unbedingt die deutsche Bundesliga sein. Auch ein Job in Österreich wäre kein Problem. Entscheidend wird sein, ob ich mit den Leuten klarkomme. Ich bin jetzt 52 Jahre und will bei meinem neuen Job auch Spaß haben.
Haben Sie einen Lieblings-Österreicher?
Ja, Franz Wohlfahrt. Wir haben 1997 zusammen mit dem VfB den Pokal gewonnen und er hat als Torwart einen größeren Anteil am Erfolg gehabt als ich als Stürmer. Bei drei Elferschießen hat er gerochen, wo die Murmel hingeht. Wir sind nach wie vor Freunde. Das ist schon was Besonderes. Wenn Franz ruft, bin ich da. Adi Hütter habe ich nach Frankfurt geholt, ein toller Trainer, den ich immer wieder verpflichten würde.
Thema Trainer: Wird sich Kompany bei Bayern durchsetzen?
Kompany ist eine herausragende Persönlichkeit. Vor zwei Jahren habe ich mich wegen Hertha lange mit ihm unterhalten. Ich war fasziniert von seiner Ansicht vom Fußball, hatte bei Anderlecht einen großartigen Job gemacht. Aber er tendierte damals nach England. Ich bin gespannt, wie er sich bei Bayern macht. Wenn er in Ruhe arbeiten kann, dann wird er auch in München Erfolg haben. Von Eberl und Freund bekommt er Rückendeckung. Wichtig sind aber auch Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge. Bayern ist halt etwas spezieller.