Caroline Wahl polarisiert wie kaum eine andere junge Autorin. In ihrem neuen Buch "1999 Meter über dem Meer" schreibt die "22 Bahnen"-Bestsellerautorin nun über Selbstinszenierung, Angst und das Gefühl, im eigenen Leben nur eine Rolle zu spielen.
Seit 22 Bahnen ist Caroline Wahl nicht nur Bestsellerautorin, sondern selbst Teil der öffentlichen Debatte. Mal geht es um ihre Bücher, mal um ihren Ehrgeiz, ihren BMW oder Bali-Urlaub. Als "Windstärke 17" 2024 nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und Wahl darüber öffentlich ihren Ärger zeigte, fanden die einen das arrogant, die anderen erfrischend selbstbewusst.
Auch ihre Bücher sorgen regelmäßig für Diskussionen. Bei "22 Bahnen" wurde etwa kritisiert, dass Wahl über prekäre Lebensverhältnisse schreibt, obwohl sie selbst behütet aufgewachsen ist. Doch Literatur wäre ziemlich langweilig, dürften Autoren nur erzählen, was sie selbst erlebt haben.
In ihrem neuen Roman "1999 Meter über dem Meer" steht die Figur Samara im Mittelpunkt. Sie hat Angst vor falschen Entscheidungen, davor zu versagen – und überhaupt das Leben zu verpassen.
Auf Bali hält sie es zwischen Matcha, Yoga und Selbstoptimierung nicht lange aus. Zurück in Deutschland beginnt sie bei einer Influencer-Agentur, flüchtet aber bald weiter nach St. Moritz. Dort erfindet sie sich neu und gibt sich unter falschem Namen als Fotokünstlerin aus.
Aus einer Lüge werden immer mehr. Samara präsentiert jedem Menschen eine andere Version ihrer selbst. Dahinter steckt allerdings keine spielerische Lust am Betrug, sondern Einsamkeit und die permanente Angst, aufzufliegen.
Damit trifft Wahl ein ziemlich modernes Lebensgefühl. Viele kennen die Sorge, irgendwann könnte jemand merken, dass man gar nicht so souverän, erfolgreich oder kompetent ist, wie man nach außen wirkt.
Samara treibt dieses Imposter-Syndrom auf die Spitze: Sie fühlt sich nicht nur wie eine Hochstaplerin – sie wird tatsächlich eine. Das passt zu einer Zeit, in der wir ohnehin ständig verschiedene Versionen unserer selbst präsentieren: erfolgreich auf LinkedIn, perfekt auf Instagram, attraktiv auf Dating-Apps.
Dass ausgerechnet Caroline Wahl darüber schreibt, hat seinen Reiz. Schließlich wird auch bei ihr ständig darüber diskutiert, wo die authentische Person aufhört und die öffentliche Inszenierung beginnt.
Vielleicht trifft "1999 Meter über dem Meer" deshalb tatsächlich einen Nerv: Es erzählt von einer Generation, die unbedingt authentisch sein möchte – und gleichzeitig ständig damit beschäftigt ist, sich selbst zu inszenieren.