Kannibalismus wurde in menschlichen Gesellschaften nicht aus instinktiver Abneigung zum Tabu - sondern weil er für die Bevölkerungsgruppen, die ihn praktizierten, schlicht schädlich war. Das haben Forschende aus Polen und Tschechien nun nachgewiesen.
Wenn Menschen andere Menschen verspeisen, führt das zu Krankheiten und Epidemien, die ganze Populationen zu Fall bringen können. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) zeigt: Biologisch gesehen bringt Kannibalismus keinen Nutzen.
Wie der Spiegel berichtet, erklärt Michal Misiak von der Universität Breslau: "Hinsichtlich der Kalorien entspricht ein Mensch in etwa einer durchschnittlichen Mahlzeit. Das Hauptproblem liegt jedoch woanders: beim Infektionsrisiko."
Krankheitserreger haben es laut den Forschern leichter, da sie in einen Organismus gelangen, dessen Physiologie nahezu identisch ist. Besonders gefährlich: Das Krankheitsrisiko steigt exponentiell, wenn Kannibalen andere Menschen verzehren, die ebenfalls schon Menschen gegessen haben.
Selbst Kochen beseitigt sogenannte Prionen - also fehlgefaltete Proteine - nicht. Diese können tödliche neurologische Erkrankungen verursachen. Ein bekanntes Beispiel ist die Krankheit Kuru, die einst unter dem Volk der Fore in Papua-Neuguinea weitverbreitet war.
Die Fore kochten und verspeisten ihre verstorbenen Angehörigen, weil sie glaubten, damit den Geist des Verstorbenen zu befreien. Die Folgen waren verheerend.
"Tabus fungieren als evolutionäre Schutzmaßnahme", sagt Misiak. "Gemeinschaften, die den Kannibalismus nicht eindämmten, überlebten schlichtweg nicht."