Wer derzeit in den Dolomiten Ruhe und Einsamkeit sucht, könnte an manchen bekannten Ausflugszielen enttäuscht werden. Aufnahmen aus dem Val di Fassa und anderen Teilen der Bergregion zeigen Menschenmassen, lange Fahrzeugkolonnen und Warteschlangen. Mittlerweile wird offenbar sogar auf mehr als 2.000 Metern Höhe für das Frühstück angestanden.
Besonders viel Aufmerksamkeit bekommen derzeit Bilder von einer Berghütte beim Langkofel. Auf rund 2.300 Metern Höhe warten Besucher offenbar bis zu einer Stunde auf einen frischen Krapfen mit Obersfüllung. Die Szenen verbreiten sich in den sozialen Netzwerken.
"Das ist Wahnsinn", schreibt ein italienischer Influencer, der selbst für den Tourismus in der Region wirbt.
Auch andere Besucher zeigen sich vom Andrang überrascht. "Ich komme seit Jahren in die Berge und habe wirklich noch nie so ein Chaos gesehen, überall stehen die Leute an", berichtet ein Wanderer.
Eine Frau kritisiert wiederum das Verhalten mancher Besucher: "Die interessieren sich nicht für die Dolomiten. Die kommen in Flipflops, nur um Fotos zu machen."
Nicht nur auf den Wanderwegen und vor Hütten wird es eng. Auch auf den Straßen sorgen die Urlaubermassen für Probleme. Am Passo di Giau bildeten sich zuletzt lange Autokolonnen. Videos zeigen zahlreiche Fahrzeuge vor dem 2.595 Meter hohen Monte Gusela.
Wie groß der Andrang mittlerweile ist, zeigte sich auch in Soraga im Val di Fassa. Beim traditionellen Fest "Golosando" drängten sich zahlreiche Besucher durch die kleine Gemeinde.
Bei der beliebten Sommerveranstaltung werden Spezialitäten der ladinischen Küche angeboten, darunter Knödel, Gerstensuppe, Polenta, Wurst, Haxe und Bergkäse.
Eine langjährige Urlauberin zeigte sich von den Menschenmassen überrascht. "Dieses Jahr schien es mir, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Es waren noch nie so viele Menschen da", berichtet die Frau, die nach eigenen Angaben seit 35 Jahren ihre Sommerferien in Soraga verbringt.
Auch andere bekannte Ziele in den Dolomiten kämpfen mit enormem Besucherandrang. Bereits im Juli sorgten die Drei Zinnen für Schlagzeilen. Dort warteten zeitweise rund 300 Menschen gleichzeitig auf Shuttlebusse von Misurina zur Auronzo-Hütte.
Obwohl die Zufahrtsstraße mittlerweile nur unter bestimmten Voraussetzungen beziehungsweise mit Reservierung genutzt werden kann, reichten die Kapazitäten der Busse zeitweise nicht für die Nachfrage aus.
An besonders stark besuchten Tagen sollen bei den Drei Zinnen bis zu 15.000 Menschen unterwegs sein. Ein Vertreter der Gemeinde Auronzo forderte deshalb eine stärkere Begrenzung. Seiner Einschätzung nach verträgt das Gebiet höchstens rund 5.000 Besucher täglich.
Auch an anderen bekannten Orten wurden bereits Maßnahmen gesetzt. Am Pragser Wildsee gelten während der Sommermonate Zugangsbeschränkungen und Reservierungsregeln. Bei den Drei Zinnen sollen Reservierungen und Shuttlebusse den Autoverkehr und die Besucherströme besser verteilen.
Der starke Andrang ist dabei keine völlig neue Entwicklung. Eine im Juni veröffentlichte Studie der italienischen Zentralbank kommt zum Ergebnis, dass die Ernennung der Dolomiten zum UNESCO-Welterbe im Jahr 2009 zu einem deutlichen Anstieg der Übernachtungen in den betroffenen Gemeinden geführt hat. Besonders ausgeprägt war die Entwicklung demnach im Trentino.
Zusätzlich sorgen soziale Netzwerke dafür, dass spektakuläre Aussichtspunkte innerhalb kurzer Zeit weltweit bekannt werden. Die Folge sind konzentrierte Besucherströme an vergleichsweise wenigen Orten.
Anrainer und Umweltschützer warnen vor überfüllten Wegen, Verkehrsproblemen und der Belastung der empfindlichen Berglandschaft. Statt einsamer Bergidylle heißt es an manchen Orten mittlerweile warten - auf den Shuttlebus, den perfekten Fotoplatz und sogar auf einen Krapfen.