Ab 17. April heißt es in der Albertina: genau hinschauen. Denn wer glaubt, hier einfach nur Fotos zu sehen, tappt schon mitten in die Falle von Richard Prince. Der US-Künstler (geb. 1949) spielt seit Jahrzehnten ein ziemlich raffiniertes Spiel – mit Bildern, mit Klischees und vor allem mit unserer Wahrnehmung.
Die große Ausstellung läuft bis 16. August 2026 und zeigt über 150 Werke aus rund fünf Jahrzehnten. Klingt nach klassischer Retrospektive? Nicht ganz. Denn bei Prince geht es weniger um schöne Bilder – sondern darum, was Bilder mit uns machen.
Berühmt wurde Prince mit seiner legendären Cowboys-Serie: Marlboro-Werbung, einfach nochmal abfotografiert. Logo weg, neuer Bildausschnitt – fertig ist das Kunstwerk. Und plötzlich stellt sich eine ziemlich unbequeme Frage: Wenn die Kopie Kunst ist – was ist dann eigentlich das Original?
Der Cowboy, dieses uramerikanische Symbol für Freiheit und Männlichkeit, wird bei Prince zur Projektionsfläche. Ein Mythos, der sich als Medienkonstrukt entpuppt. Oder doch nicht? Genau hier beginnt das Spiel: Ist das Kritik oder feiert er die Bilder sogar? Prince lässt die Antwort offen – und schiebt sie elegant dem Publikum zu.
Seit den 1970er-Jahren nimmt der in New York lebende Künstler die Bildwelten der US-Konsumgesellschaft auseinander. Werbung, Magazine, Popkultur – alles wird eingesammelt, neu gerahmt und wieder ausgespielt. Prince selbst sagte einmal, er sei "vom Fernsehen erzogen worden". Kein Wunder also, dass seine Arbeiten wie ein Spiegel dieser Dauerberieselung wirken.
In Serien wie Fashion, Gangs oder Girlfriends zeigt sich, wie tief sich visuelle Codes in unser Denken eingebrannt haben. Besonders die Girlfriends-Serie sorgt bis heute für Diskussionen: Frauen in erotischen Posen, entnommen aus Motorrad-Magazinen. Selbstinszenierung oder sexistischer Blick? Empowerment oder Klischee? Die Meinungen gehen auseinander – und genau das ist Teil des Konzepts.
Prince’ Werke wirken oft erstaunlich schlicht. Kaum bearbeitet, manchmal nur minimal verändert. Und genau darin liegt ihre Stärke: Sie sind gleichzeitig analytisch und verführerisch. Man erkennt das Bild – und beginnt es plötzlich zu hinterfragen.
Dabei verschwimmen die Grenzen: Kritik und Affirmation, Original und Kopie, Kunst und Konsum. Prince kratzt nicht nur an der Oberfläche, er legt die Mechanismen dahinter frei. Wer entscheidet, was "echt" ist? Wo beginnt Urheberrecht? Und warum sehen sich ein selbst geschossenes Urlaubsfoto und ein Werbebild oft zum Verwechseln ähnlich?
Prince wäre nicht Prince, wenn er stehen geblieben wäre. Seine neuesten Arbeiten greifen Social Media auf: Instagram-Posts werden kommentiert, gescreenshotet und auf Leinwand gebracht. Keine Inszenierung, kein Filter – nur der nackte Wunsch nach Aufmerksamkeit, konserviert als Kunst.
Die vergrößerten, auf Leinwand aufgezogene Screenshots fremder Instagram-Porträts bringen ihm offenbar üppige Honorare ein. Rund 90.000 Dollar soll er für einen Instagram-Fund kassiert haben.
Auch wenn die Fotografie im Zentrum steht, arbeitet Prince längst intermedial – zwischen Fotografie, Malerei und Skulptur. Die Albertina zeigt diese Entwicklung eindrucksvoll: von frühen "Refotografien" bis hin zu komplexen Collagen aus gefundenem Material.
Am Ende bleibt ein Gefühl, das man nicht so schnell loswird: Vielleicht sind wir alle längst Teil dieser Bilderwelt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieser Ausstellung.