Unvorstellbare Tat: Mit einem Küchenmesser soll ein Afghane auf offener Straße in Wien-Donaustadt im November des Vorjahres versucht haben, seine eigene Tochter zu töten.
Am Montag ging der Prozess wegen versuchten Mordes gegen den 51-Jährigen am Wiener Landesgericht über die Bühne. Mit gesenktem Kopf nahm der Pizzabäcker in der Mitte des Saales Platz. Er war 2001 als Flüchtling nach Wien gekommen, wollte eigentlich nach England – wurde von dort aber 2004 wieder nach Österreich zurückgeschoben.
Trotz der unfassbaren Vorwürfe erklärte der siebenfache Vater der Richterin seelenruhig und ohne spürbare Reue: "Ich bin ein ganz normaler Muslim, stehe für Menschlichkeit."
Am Abend des 24. November soll er mehr als ein Dutzend Mal auf seine 15-jährige Tochter eingestochen haben. Sie soll seit mehreren Monaten eine Beziehung mit einem gleichaltrigen Burschen mit rumänischen Wurzeln gehabt haben – gegen den Willen ihrer streng konservativen Familie.
Zunächst dürfte die Mutter davon gewusst haben, später erfuhren auch Vater und Großeltern von der Beziehung. Doch diese Liebe durfte nicht sein, die Jugendliche war offenbar bereits einem 22-Jährigen in Afghanistan versprochen gewesen.
Die Tochter weigerte sich, den Fremden zu heiraten, die Stimmung in der Familie eskalierte. Der Vater soll seiner Tochter einen Faustschlag gegen den Kiefer versetzt und gedroht haben, ihren Freund mit einem Messer umzubringen. Danach wolle er "mit Stolz" ins Gefängnis gehen, weil er die "Schande" beseitigt hätte.
Laut Anklage verließ er zunächst die Wohnung, um nach dem Freund seiner Tochter zu suchen. Nach rund 20 Minuten kehrte er aber zurück. Die 15-Jährige beschloss daraufhin, zur Polizei zu gehen. Doch der Vater bestand darauf, sie zu begleiten.
Auf dem Weg dorthin dürfte die Situation völlig eskaliert sein. Laut Anklageschrift griff der Mann in seine Jackentasche, zog ein Küchenmesser und begann auf seine Tochter einzustechen. Dabei soll er geschrien haben: "Du hast unsere Familie beschmutzt und du denkst, ich lasse dich einfach so davonkommen?"
Mehr als ein Dutzend Mal soll der 51-Jährige gegen Kopf, Hals, Nacken und Rücken der Jugendlichen gestochen haben. Die Messerklinge brach laut Gutachten sogar bei einer der ersten Stichbewegungen ab. Trotz schwerster Verletzungen wehrte sich die 15-Jährige, biss ihrem Vater in die Finger und konnte so womöglich weitere Stiche verhindern.
Dann dürfte der Mann seine Tochter auch an den Haaren gezogen haben und versucht haben sie so nach Hause zu zerren. Weil die Jugendliche schwer verletzt war und nicht mehr gehen konnte, legte er sie schließlich am Gehweg ab. Ihre Todesschreie alarmierten Passanten. "Ein Arzt aus einer nahegelegenen Ordination eilte zur Hilfe und versorgte das Mädchen noch vor Ort", schilderte die Staatsanwältin.
Die 15-Jährige erlitt laut Anklage unter anderem eine schwere Stichverletzung im Bereich der Brusthöhle, zahlreiche Schnitt- und Stichverletzungen am Hals, Kopf und Oberkörper sowie einen abgebrochenen Schneidezahn. Nur durch die rasche medizinische Versorgung habe Lebensgefahr verhindert werden können.
Gegenüber einschreitenden Polizisten soll der Mann gesagt haben: "Ich war es, ich habe sie mit dem Messer gestochen, ich bin im Recht, meine Tochter hat einen Freund."
Verteidiger-Veteran Peter Philipp erklärte klipp und klar: "Die Tat ist unverzeihlich. Aber wenn man die Mentalität dieser Leute kennt… – es ist einfach die Kultur, da hilft’s auch nicht, wenn man schon 20 Jahre hier lebt." Er kündigte ein Geständnis seines Mandanten an.
Doch der Afghane verlor sich in Ausflüchten, schob sogar Zahnschmerzen vor, die ihn irrational werden ließen oder erklärte, die Klinge sei ihm nach einem Stich bereits abgebrochen. Schließlich gestand er ein. "Ich habe einen Fehler gemacht." Doch auch laut psychiatrischem Gutachten sei echte Reue bisher nicht erkennbar gewesen.
Die Aussage des Opfers sorgte für Irritationen im Saal. Laut "Krone" sagte das einst mutige Mädchen nun aus. "Mein Vater ist eigentlich eine sehr liebevolle Person. Ich war einfach zu rebellisch. Ich liebe meinen Vater und ich verzeihe ihm das, was er gemacht hat. Wenn ich damals auf meinen Vater gehört hätte, wären wir noch glücklich."
Der (möglicherweise nicht ganz freiwillige) Sinneswandel konnte die Geschworenen jedoch nicht umstimmen. Am Nachmittag fiel das Urteil nach kurzer Beratung eindeutig aus: Der bisher unbescholtene Afghane wurde – nicht rechtskräftig – zu lebenslanger Haft verurteilt.