Eine clevere Fusion von Game und Animationsfilm

Das Playables-Team im Interview. (Video: 20M)
Das Playables-Team im Interview. (Video: 20M)
Das Zürcher Studio Playables entwickelt seltsame, unterhaltsame Produktionen wie das eben erschienene "KIDS". Und spricht damit Gamer ebenso wie Filmliebhaber an.
Das Bild ist weiß, nur am unteren Rand befinden sich ein Schlitz und eine Zahl. Und eine Münze. Handgezeichnet in einem reduzierten, prägnanten Stil. Mit dem Mauszeiger lässt sich die Münze in Bewegung versetzen. Beispielsweise gezielt über dem Schlitz platzieren und fallen lassen. Oder über den oberen Bildrand hinaus hochschleudern, von wo sie dann wieder runterkommt und im Schlitz verschwindet. So weit, so simpel, mögen viele denken. Und viele müssen es sein, denn die Seite mit dem Minigame "Coin", das direkt im Browser gespielt wird, wurde schon oft besucht.

Der Zähler unter dem Münzschlitz zeigt auf jeden Fall eine fleißig wachsende Zahl. Auf Projects.playables.net finden sich noch mehr solch seltsame Miniaturen. Es sind kleine, in sich geschlossene Kunstwerke, die während der Arbeit an größeren Projekten entstehen und beispielhaft sind für die gestalterische Philosophie und den Humor ihrer Urheber, Michael Frei und Mario von Rickenbach.

"Menschliche Stromstecker"

Ihre Zusammenarbeit beginnt im Jahr 2013. Frei hat eben einen neuen Kurzanimationsfilm fertiggestellt. "Plug & Play" spielt in wenigen, von harten Schnitten getrennten Szenen das ganze Drama zwischenmenschlicher Beziehungen durch. In einem Szenario, das von Stromkabeln, Steckdosen und mit ihnen verwachsenen, menschenähnlichen Körpern belebt wird. Warum also das Ganze nicht noch interaktiv machen? Hier kommt Mario von Rickenbach ins Spiel.

Der Gamedesigner arbeitet gerade an mehreren eigenen Projekten und interessiert sich sofort für den Austausch mit dem Filmemacher. Denn beide bringen sie ihre eigenen Perspektiven, Ideen und Arbeitsweisen ein. So entsteht durch viel Experimentieren mit "Plug & Play" ihr erstes gemeinsames Projekt – ein Hybrid aus Game und Animationsfilm, das in der einen Version für ein im Kinosaal sitzendes Publikum und in der anderen für den einzelnen Zocker mit seinem digitalen Device funktionieren soll.

"KIDS"

"KIDS" handelt vom Handeln der einzelnen Person in der Masse. Oder umgekehrt: von der Masse und wie sie sich zu der einzelnen Person verhält. Was etwas theoretisch klingt, ist in der Umsetzung ein poetisches und kurzweiliges Vergnügen. Die handgezeichnete 2-D-Grafik in Schwarzweiß wurde mit der Spiel-Engine Unity animiert. Im gleichen Programm entstand auch die Gamemechanik. Neben dem lakonischen Grundton und der klaren Ästhetik besticht "KIDS" auch durch seine Soundspur: die Musik wurde mit einem lettischen Kinderchor eingespielt, die Effekte sind ebenso sparsam eingesetzt wie knackig abgemischt. Das Spiel kann bei Steam, Googleplay oder im iOS App Store gekauft werden.


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Bereits während der Arbeit an "Plug & Play" schwirren neue Ideen durch den Raum. Sie handeln von eigenschaftslosen Wesen, die massenhaft auftreten und sich gegenseitig beeinflussen. Oder anders gesagt, beeinflusst werden. Denn das Projekt, das mit "KIDS" betitelt und unter dem Dach der neu gegründeten Produktionsfirma Playables entwickelt wird, soll auch wieder interaktiv werden. Es kommt dann noch ein weiteres Format hinzu: im Frühjahr 2018 wird "KIDS" als Ausstellung im Museum of Digital Art in Zürich gezeigt. Neben großflächigen Projektionen und einer ersten spielbaren Version liegen haufenweise Puppen herum, die von den Besucherinnen neu arrangiert werden können und von denen einige danach mit Frei und von Rickenbach auf Festivaltour gehen.

Im Februar feierte der Kurzfilm seine Premiere an der Berlinale, vor wenigen Wochen ist auch die interaktive Version erschienen. Mit "KIDS" haben von Rickenbach und Frei eine multimediale, interaktive Welt geschaffen, in der sich der einzelne Mensch als Teil einer Maße wiedererkennen, hinterfragen und neu positionieren kann. Wem der Spielspaß zu kurz geraten ist, kann sich ja wieder den Minigames von Playables widmen. Zum Zeitpunkt der Publikation dieses Textes hat "Coin" etwas über 20 Millionen Münzen gezählt – es gibt also noch zu tun.

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