Sie mussten Tag und Nacht bereitstehen, durften das Haus nur mit seiner Erlaubnis verlassen. Kein Gehalt, keine Krankenversicherung, kein eigenes Leben. Jeffrey Epstein (†66) soll seine "Assistentinnen" systematisch kontrolliert, ihre Telefone überwacht und Nacktfotos als Druckmittel gesammelt haben.
Neue Recherchen der "BBC" zeigen jetzt, wie perfide sein System aus Kontrolle und Missbrauch funktionierte.
Eine der betroffenen Frauen spricht nun erstmals mit Medien, zu ihrem Schutz wird sie Anya genannt. Für die Russin begann alles mit einem Versprechen, wie sie dem Sender schildert. Mitte 20 lernte sie in Paris Model-Scout Daniel Siad (69) kennen, der sie einem angeblich mächtigen Förderer vorstellte: Epstein.
Beim ersten Treffen in Epsteins Pariser Wohnung habe er sie nach ihren Träumen gefragt, Kontakte in die Modebranche versprochen und vorgegeben, kein sexuelles Interesse an ihr zu haben. Schnell habe er jedoch begonnen, ihren Körper zu kontrollieren, sie sollte trainieren und ihm Fortschrittsberichte schicken.
Nach einigen Monaten erklärte Epstein ihren Modeltraum für gescheitert und bot ihr stattdessen eine Stelle als "Assistentin" an. Der Job hatte mit dem, was der Titel vermuten ließ, wenig zu tun: Anya musste rund um die Uhr erreichbar sein und durfte das Haus in Manhattan nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. Ein eigenes Gehalt, Bankkonto oder eine Krankenversicherung hatte sie nicht.
Auf ihrem Bauch trägt Anya bis heute Narben. Dort befand sich früher ein Tattoo, das Epstein missfiel, er habe daraufhin einen Arzt kommen lassen, um es aus ihrer Haut herausschneiden zu lassen.
Während Epstein 2008 in Florida eine Haftstrafe verbüßte und tagsüber Freigang hatte, habe er Anya nach eigenen Angaben zum ersten Mal missbraucht, anschließend habe er sich vor anderen "Assistentinnen" über ihre Schüchternheit lustig gemacht.
Wer zu fliehen versuchte, wurde laut Anya verfolgt, auf eine verschwundene "Assistentin" soll Epstein sogar einen Privatdetektiv angesetzt haben. Zudem soll er die Frauen gezielt gegeneinander aufgehetzt haben. Gemeinsamer Widerstand wurde so verhindert, stattdessen musste jede Frau mindestens ein neues Opfer anwerben.
Das Opfer bezeichnet das gesamte System gegenüber der BBC als "Ökosystem des Missbrauchs". Warum sie nach all den Jahren jetzt spricht: um anderen Betroffenen Mut zu machen und zu zeigen, dass auch Erwachsene Opfer gezielter Manipulation werden können.