Erdogan lässt Volk chinesischen Impfstoff spritzen

In der Türkei mehren sich die Negativrekorde bei den Corona-Toten, die Fallzahlen steigen stark.
In der Türkei mehren sich die Negativrekorde bei den Corona-Toten, die Fallzahlen steigen stark.ADEM ALTAN / AFP / picturedesk.com
Die türkische Regierung hat noch für diesen Monat einen Impfplan für die Bevölkerung angekündigt. Dieser ist nicht unumstritten.

Die steil ansteigenden Fallzahlen haben Ankara diese Woche zu einer Verschärfung der Corona-Restriktionen gezwungen. Ab Freitag gilt ein kompletter Lockdown über das gesamte Wochenende, unter der Woche gibt es eine abendliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 5 Uhr. Bislang galten abendliche Ausgangssperren nur am Wochenende. Ältere Menschen ab 65 Jahren und Jüngere unter 20 Jahren dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen. Es würden zudem keine Neujahrsfeiern abgehalten, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Erste Lieferung aus China am 11. Dezember

Umso begeisterter nahmen die türkischen Medien die Nachricht von der ersten Impfstoffzulassung in Großbritannien auf: "Solche Nachrichten kommen bei den Menschen positiv an, sie schöpfen wieder Hoffnung. Alle können wieder mit Mut in die Zukunft schauen", schreibt etwa die"Hürriyet".

Doch auch die Türkei will vorwärts machen. So hat die Regierung ein 4-Stufen-Impfprogramm für die Bevölkerung noch für diesen Monat angekündigt (siehe Box). Allerdings nicht mit dem Impfstoff von Biontech und Pfizer, sondern mit dem Impfstoff CoronaVac des chinesischen Biotechunternehmens Sinovac. 50 Millionen Dosierungseinheiten hat die Türkei für ihre über 80 Millionen Bürger bestellt. Schon zum 11. Dezember erwarte man aus China die erste Ladung, wie Gesundheitsminister Fahrettin Koca ankündigte.

Gespritzt vor Abschluss der Phase 3

Der Impfstoff werde freigegeben, sobald türkische Labore die Sicherheit bestätigen und erste Resultate der klinischen Phase 3 beurteilt würden, so Koca. CoronaVac ist einer der wenigen chinesischen Impfstoffkandidaten in der klinischen Phase 3. Mehrere Länder, darunter die Türkei, unterstützen China in dieser Phase mit Impftests an Zehntausenden Freiwilligen. Im Gegenzug sollen sie einen Vorzugspreis bei den Bestellungen erhalten.

Wie viel die Türkei für den chinesischen Impfstoff zahlte, gibt Ankara nicht an. Die Impfung mit CoronaVac werde für alle gratis sein, so Präsident Recep Tayyip Erdogan. Dabei prüft Ankara aber auch, Impfstoffe anderer Hersteller etwa über Apotheken zum Verkauf freizugeben.

Das noch für diesen Monat angekündigte Impfprogramm der türkischen Regierung sieht laut Gesundheitsminister Fahrettin Koca vier Stufen vor: Als erste werden Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen, Bürger über 65 Jahre sowie alle Personen in Alters- und Pflegeheimen geimpft. Danach folgt die zweite Gruppe bestehend aus den lebensnotwendigen Dienstleistern sowie Personen über 50 Jahre mit mindestens einer Vorerkrankung. Als drittes sind Menschen unter 50 Jahren mit mindestens einer chronischen Erkrankung und junge Erwachsene dran. In der vierten und letzten Phase wird der Rest der Bevölkerung geimpft.

In China selbst war der Impfstoff im Notfallprogramm Pekings Zehntausenden Menschen verabreicht worden – noch vor Abschluss der klinischen Phase-3-Studien. Das widerspricht dem anerkannten Vorgehen bei der Impfstoffentwicklung. Anders ausgedrückt: Verlässliche Daten zur Wirksamkeit oder zu Nebenwirkungen liegen noch nicht vor. Mitte November aber zeigten vorläufige Studienergebnisse, dass das Vakzin eine schnelle Immunantwort erzeugt, das Level an Antikörpern aber unter dem von genesenen ehemaligen Covid-19-Patienten liegt.

"Keine größeren Nebenwirkungen"

"Die Tatsache, dass keine größeren Nebenwirkungen gemeldet wurden, ermutigt uns hinsichtlich der Zuverlässigkeit des Impfstoffs», gibt sich ein Sprecher des Ankara City Krankenhaus für Infektionskrankheiten zuversichtlich. In zwölf türkischen Städten und 25 Testzentren wurden dabei zunächst Freiwilligen mit Vorerkrankungen aus dem Gesundheitssektor geimpft.

Sie erhielten zwei Dosierungen im Abstand von 14 Tagen und wurden anschließend während 28 Tagen beobachtet, wie türkische Medien unter Verweis auf die Behörden berichten. Die festgestellten Nebeneffekte seien moderat und beinhalteten Müdigkeit, Fieber, Kopfweh und Gliederschmerzen. Es sei geplant, dass die Teilnehmenden ein Jahr lang jede Woche zum Check erscheinen sollen.

Chinas riskante "Impfstoff-Diplomatie"

Die Zahl der Neuinfektionen war in der Türkei zuletzt, wie in vielen anderen Ländern, stark gestiegen. Am Mittwoch meldete die Türkei mit 193 neuen Todesfällen den zehnten Tag in Folge einen Rekord. Umso entschlossener will Ankara das Impfprogramm vorwärtstreiben.

China kann das nur recht sein. Längst propagiert die Volksrepublik ihre Impfstoffe als öffentliches Gut. Von «Impfstoff-Diplomatie» ist dabei im Westen die Rede. So versuche China, sich als globale Führungsmacht zu positionieren und gleichzeitig eine Koalition von Ländern aufzubauen, die China dankbar seien und seine Führungsrolle anerkennen würden, sagt Jacob Mardell vom Mercator Institute für China-Studien in Berlin.

Ähnliches hatte China bereits im Frühjahr mit seiner "Maskendiplomatie" versucht. Doch der Versuch, das Image in der Corona-Krise aufzupolieren, ging nach hinten los, als sich Lieferungen von Schutzmaterial als unbrauchbar herausstellten. Entsprechend sind sich Beobachter einig: Ohne seine Impfstoffe nicht bis ins Allerkleinste geprüft und die Daten über Sicherheit und Effizienz transparent gemacht zu haben, fährt China mit seiner "Impfstoff-Diplomatie" einen riskanten Kurs.

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