Erstmals seit elf Jahren wird die Europäische Zentralbank die Leitzinssätze wieder anheben. Der Sprung weg vom 0-Zins wird überraschend weit. Im Einklang mit dem EZB-Ratsbekenntnis zur Preisstabilität hat die Europäische Zentralbank heute weitere wichtige Schritte ergriffen, um die Inflation mittelfristig auf seinen Zielwert von 2 Prozent zu senken. Beschlossen wurde eine unerwartet hohe Anhebung der drei Leitzinssätze der EZB um jeweils 50 Basispunkte.
Die Rekordinflation zwingt die Euro-Währungshüter zu einem höheren Tempo bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren. Doch was heißt das? Dazu war am Donnerstag der Ökonom und Politologe Daniel Gros vom Center for European Policy Studies zu Gast in der ZIB2.
Mit den am Donnerstag vorgestellten Maßnahmen könne man die Inflation in den kommenden Monaten nicht beenden. Die Entscheidung von heute würde sich erst in den kommenden Jahren entfalten. Das Ziel in der aktuellen Geldpolitik sei also kein kurz- sondern ein langfristiges. Gros geht davon aus, dass die EZB nicht umhinkommen werde, den Leitzins erneut zu erhöhen – der Ökonom geht von einem weiteren halben Prozentpunkt aus.
Einen Blick in die weitere Zukunft will Gros nicht wagen. Alles was nach Oktober geschehe, sei ungewiss. Die weitere Entwicklung sei zum einen abhängig vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dann sei die Frage wie sich die weltweite Konjunktur entwickelt. Hier sei Erdöl wichtiger als Erdgas – hier geht es vor allen Dingen um die Big Player USA und China. Wichtig sei, dass Russland weiterhin Gas liefere. Wenn dies nur in geringerem Ausmaß geschehe, könne es trotzdem gelingen, über den Winter zu kommen und die Industrie am Laufen zu erhalten.
In Österreich werde aktuell ein Deckel auf Strompreisrechnungen diskutiert. Was hält der Experte davon, wollte Moderatorin Margit Laufer wissen. Wenn ein solcher Deckel auf die gesamte Strommenge gelten würde, sei das "eine große Gefahr". Denn dann würden die großen Verbraucher unterstützt werden. Gros plädiert für ein Modell, dass nur einen bestimmten, notwendigen Teil, deckelt. Alles was über die Grundversorgung hinaus ginge, müsse zum marktüblichen Preis bezahlt werden, ist der Experte überzeugt.
Die Entwicklungen in Italien dürften laut Einschätzung nicht zu einer zusätzlichen Destabilisierung des Euro-Raumes führen. Es sei klar gewesen, dass die Regierung Draghi in sechs Monaten endet. Nun gebe es die Wahlen eben nur ein bisschen früher. so Gros. Allerdings: Auch der neuen Regierung werden die Hände gebunden sein, ist der Experte überzeugt.