Nach der Warnung vom Verfassungsschutz vor möglichen Anschlägen der pro-iranischen Gruppe Hayi in Europa hält der Terrorismus-Experte Peter Neumann eine Eskalation auch in Deutschland für möglich. Die Anschläge würden einer Vorgehensweise folgen, "die wir von den iranischen Revolutionsgarden seit vielen Jahren kennen", sagte Neumann zur Nachrichtenagentur AFP. Der Iran sende damit ein "klares Signal": Teheran wolle zeigen, dass es "bei einer Verschärfung der Lage im Iran-Krieg noch weiter eskalieren könnte".
Dass bei den bisherigen Hayi-Anschlägen "niemand zu Tode kam", sei "kein Zufall", so der Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College. Mit den über seine Handlanger ausgeführten Anschlägen wolle der Iran zeigen: "Ihr mögt unsere Raketen kaputtgemacht haben, aber wir haben da noch ganz andere Möglichkeiten." Neumann erklärte gegenüber AFP, er könne sich eine weitere Eskalation vorstellen, "wenn das Regime wirklich mit dem Rücken zur Wand steht".
Angesichts der großen Verunsicherung in jüdischen Gemeinden in Europa reiche es aus iranischer Sicht derzeit "wahrscheinlich aus, den Leuten Angst und Schrecken einzujagen", sagte Neumann weiter im AFP-Interview. Gleichzeitig mache Teheran klar, dass diese Anschläge "nicht nur nachts oder frühmorgens, sondern auch tagsüber verübt werden könnten - und dann würden eben Menschen sterben". Die deutschen Sicherheitsbehörden sieht der Experte jetzt gefordert, rasch zu handeln.
Die erst kürzlich aufgetauchte Gruppe Harakat Aschab al-Jamin al-Islamija (Hayi) sei laut Neumann "bis jetzt überhaupt nicht bekannt" gewesen. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar habe es mehrere Brandstiftungen und weitere Anschläge in London, Paris, Belgien, den Niederlanden und auch in München gegeben, die der Gruppe zugeschrieben werden.
"Die Ziele sind klar: jüdische Communities, Synagogen, israelische Botschaften, iranische Dissidenten und Amerika", sagte der Islamismus- und Terrorismusexperte. Neben Angriffen auf jüdische, israelische und US-Ziele habe es auch "einen versuchten Anschlag auf die Muttergesellschaft des iranischen Oppositionssenders Iran International" in London gegeben, so Neumann.
Die iranischen Revolutionsgarden würden diese Anschläge "nicht direkt" ausführen. Stattdessen würden sie im Internet Menschen gegen Bezahlung anwerben – meist aus dem kriminellen Milieu. Unter den bisher Festgenommenen seien laut Neumann "Jugendliche, Zwanzigjährige, aber auch Personen in den 50ern" gewesen. Keiner von ihnen sei "als Islamist oder Iran-Unterstützer" bekannt gewesen.
Die Nervosität in der jüdischen Gemeinschaft in Großbritannien sei derzeit "extrem hoch, weil wir sehen, dass im Prinzip fast jede Woche etwas passiert", erklärte Neumann. Das sei "auch die Absicht" des Iran. Teheran wolle zeigen: "Wir sind in der Lage, wir sind überall - sogar an der Synagoge im belgischen Lüttich, die keiner auf dem Schirm hat."
Aus Sicht des Experten deuten zwar alle Hinweise auf eine Steuerung aus dem Iran hin – darunter Logo, Bekennervideos, Zeitpunkt, Ziele und Vorgehensweise der Hayi. Dass es aber im Iran selbst "keinen rauchenden Colt" gebe, der Teheran eindeutig als Drahtzieher dieser Angriffe ausweist, sei "natürlich beabsichtigt". Durch diese Art des Vorgehens könne sich der Iran immer auf "plausible Verneinung" berufen.
Laut Neumann ist die Vorgangsweise mit sogenannten "Wegwerf-Agenten" aus dem kriminellen Milieu zwar "erprobte Praxis" des Iran und seiner Revolutionsgarden in Europa. Das sei aber "in dieser Intensität ein neues Phänomen".
Je stärker der Druck auf den Iran werde, desto intensiver werde dieses Mittel der hybriden Kriegsführung, warnte er. Die Sicherheitsbehörden müssten daher "jetzt sehr schnell und intensiv dafür sorgen, dass die Drahtzieher hinter der Gruppe Hayi identifiziert werden, und verhindern, dass der Terror weitergeht".
Den Verfassungsschutz sieht der Islamismus- und Terrorismusexperte daher vor einer "Detektivarbeit". Sollte sich bei den Ermittlungen herausstellen, "dass bestimmte Zahlungen erfolgt sind", dann könnte das aus Neumanns Sicht ein Beweismittel sein. Allerdings sei eine Bezahlung in Kryptowährung "nicht so einfach nachweisbar".