Spur führt zum Iran

"HAYI": Neue Terrorgruppe hat Europas Juden im Visier

Seit 9. März greift eine neue Terrorgruppe Synagogen, jüdische Schulen und israelische Einrichtungen in Europa an. Zuletzt war auch München betroffen.
Nick Wolfinger
29.04.2026, 12:43
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Sie kam wie aus dem Nichts: Seit 9. März häufen sich in Europa Anschläge auf jüdische Schulen, Geschäfte und Synagogen. Bis jetzt standen vor allem Belgien, die Niederlande und Großbritannien im Fokus. Nun gab es auch in Deutschland erste Angriffe.

Bei den meist nächtlichen Anschlägen mit Bomben und Brandsätzen gab es bisher keine Toten. Der deutsche Verfassungsschutz warnt nun jedoch vor einer Eskalation. Es gebe Hinweise, dass die Gruppe sich künftig nicht mehr nur auf "einfache" Angriffe beschränken wolle.

Mysteriöse Anschlags-Serie

Seit dem 9. März gab es mehrere Anschläge auf jüdische und US-amerikanische Einrichtungen in verschiedenen europäischen Ländern, auch in Deutschland. Die Gruppe HAYI hat sich laut Verfassungsschutz vor allem zu Brandanschlägen mittels Videos bekannt.

Anschläge, zu denen sich HAYI bekannt hat (Auswahl):

9. März: Explosion bei Synagoge in Lüttich (Belgien)

13. März: Brandanschlag auf Synagoge in Rotterdam

14. März: Explosion vor jüdischer Schule in Amsterdam

16. März: Explosion nahe World Trade Center in Amsterdam

23. März: Brandanschlag auf Synagoge und jüdischen Rettungsdienst in London

24. März: Brandanschlag in jüdischem Viertel in Antwerpen

15. April: Brandanschlag auf Finchley Reform Synagogue in London

16. April: Sprengstoffanschlag auf israelisches Restaurant in München

19. April: Brandanschlag auf Kenton United Synagogue in London

Die Taten fanden "jeweils in den Nacht- oder frühen Morgenstunden und verliefen bislang ohne Personenschäden" statt. Besonders betroffen waren Einrichtungen in den Benelux-Staaten und Großbritannien. Von den über 40 im Zusammenhang mit diesen Taten festgenommen

Ursprung bei Terrorgruppe im Irak?

Doch wer steckt hinter dieser neuen Gruppe namens "Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia" (kurz: HAYI), die wie aus dem Nichts in kürzester Zeit in mehreren Ländern über ein dutzend Anschläge verübte? Der Name der Gruppe bedeutet übersetzt: "Islamische Bewegung der Gefährten der Rechtsgeleiteten".

Neue Erkenntnisse des Verfassungsschutzes lassen die Alarmglocken läuten: Die Spur führt über eine schiitisch-irakische Gruppierung direkt zu den Revolutionsgarden im Iran – dem militärischen Arm des islamistischen Mullah-Regimes.

So gab es im Irak eine schiitische Terrorgruppe namens "Harakat Ansar Allah al-Awfiya" (kurz: HAAA), die sich in der Kurzform auch "Ashab al-Yamin" nannte. Diese wurde von den USA im Juni 2024 als Terrororganisation eingestuft. Einer deren Anführer wurde am 28. Februar bei einer israelisch-amerikanischen Operation getötet. Am 9. März begannen die Anschläge in Europa.

Spur zu Iranischen Revolutionsgarden

Das israelische Ministerium zur Bekämpfung von Antisemitismus sieht dabei einen Zusammenhang. "Die Angriffe könnten daher eine Vergeltungsaktion darstellen, die mit iranisch unterstützten militanten Netzwerken in Verbindung steht", schreibt die Behörde in einem Bericht vom 24. März.

Videos der Angriffe werden auf Telegram-Kanälen verbreitet, die mit der Hisbollah und den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) verbunden sind.

Das Muster der Angriffe deutet nach Einschätzung des Terrorismusexperten Peter Neumann darauf hin, dass Auftraggeber aus dem Iran hinter den Angriffen stecken könnten. Die iranischen Revolutionsgarden würden "in Europa seit einiger Zeit schon diese Art von Anschlägen propagieren", sagte der Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College dem Schweizer Fernsehsender SRF.

Terror-"Franchise

Doch anders, als das einheitliche Erscheinungsbild vermuten lassen soll, dürfte es sich bei "HAYI" um keine Terrorgruppe im klassischen Sinn handeln. Der Name sei eher als eine Art "Marke" zu verstehen, mit der unterschiedliche Anschläge in verschiedenen Ländern "etikettiert" werden, um mächtiger zu wirken.

Das Logo, eine erhobene Faust mit einem Dragunov-Scharfschützengewehr, ähnelt stark jenen von anderen iranisch-gesteuerten Terrorgruppen wie Hamas, Hisbollah oder Ashab al-Yamin im Irak.

Radikalisierte Jugendliche angeworben

Statt einer Gruppe hochprofessioneller Terroristen stecken hinter den Angriffen von "HAYI" meist radikalisierte Jugendliche. "Das heißt, man hat diese Anschläge nicht selber durchgeführt. Man hat versucht, Leute im Internet zu rekrutieren, teilweise auch Leute aus dem kriminellen Umfeld, die im Internet gefunden und denen dann Geld dafür gegeben, dass sie Anschläge durchgeführt oder versucht haben", so Neumann im SRF.

Das macht sie aber nicht weniger gefährlich – denn die Gefahr, die von islamistisch radikalisierten Jugendlichen in Europa ausgeht, wird seit Jahren als hoch eingeschätzt – auch in Österreich. Nun werden sie vom Iran sozusagen "aktiviert". Das lässt nichts gutes befürchten.

"Wegwerf-Agenten"

"Vieles spricht dafür, dass es sich nicht um eine klassische Miliz handelt, sondern um ein loses Netzwerk, das lokale Täter über soziale Medien anwirbt und steuert", sagt auch der Vorsitzende des Geheimdienste-Kontrollgremiums im Bundestag, Marc Henrichmann (CDU).

Der Vize-Vorsitzende des Gremiums, Konstantin von Notz (Grüne), warnte vor sogenannten Wegwerf-Agenten als Proxys, "um jüdische, israelische und mit Israel assoziierte Einrichtungen, aber auch iranische Regimekritikerinnen und -kritiker in der Diaspora beobachten, bedrohen und angreifen zu lassen".

Warnung vor Eskalation mit Toten

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz warnt nun vor einer neuen Eskalationsstufe. "Neu ist die Warnung HAYIs, sich nunmehr nicht mehr nur auf 'einfache' Angriffe zu beschränken, sondern langfristig auch gefährlichere Tatmittel einzubeziehen", erklärte die Behörde auf Anfrage des "Handelsblatts" (Dienstagsausgabe). Damit ist gemeint, dass die Gruppe möglicherweise von Brandstiftungen zu Anschlägen mit Sprengstoff oder Waffen übergehen könnte.

{title && {title} } NW, {title && {title} } 29.04.2026, 12:43
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