Mit Intervallfasten kann man länger leben

6 Jahre lang forschten Grazer Wissenschaftler an den Effekten des Fastens. Der Studienautor erklärt, warum es sich lohnen kann, jeden zweiten Tag aufs Essen zu verzichten.
Die Hälfte des Jahres gar nichts essen? Klingt ziemlich extrem. Genau das soll laut Forschern der Karl-Franzens-Universität jedoch gesund sein – wobei natürlich nicht am Stück gefastet wird, sondern im 2-Tages-Rhythmus.

In der Studie "Interfast", die im Fachjournal Cell Metabolism veröffentlicht wurde, kamen die Grazer Forscher zum Schluss, dass sogenanntes Intervallfasten nicht nur bei einer Gewichtsreduktion helfen kann, sondern auch einen positiven Einfluss auf den Blutdruck hat.

Erstautor ist der er 30-jährige Molekularbiologe Dr. Slaven Stekovic. "Heute.at" hat mit ihm über die Ergebnisse gesprochen.

Autophagie bezeichnet den Reinigungs- und Regenerationsprozess einer Zelle, bei dem kaputte Teile abgebaut werden. Dieser kann sowohl durch Fasten als auch durch bestimmte Substanzen wie Spermidin und Reservatrol angeregt werden. Reservatrol ist in roten Weintrauben enthalten. Auch im Kaffee befinden sich solche Stoffe. Die Effekte des Fastens sind jedoch stärker als die der Substanzen.
Herr Stekovic, jeden zweiten Tag hungern – das soll wirklich gesund sein?

Ja. Dass Fasten bei gewissen Erkrankungen positive Effekte zeigt, ist schon länger bekannt. In unserer Studie zeigen wir nun zum ersten Mal, wie effektiv so eine drastische Art zu fasten - einen Tag essen, einen Tag nicht - auch für gesunde Menschen sein kann. Man kann damit beispielsweise Herzerkrankungen vorbeugen – und sogar länger leben.

Als Intervall-Fasten bezeichnet man stunden- oder tagelange Pausen zwischen den Mahlzeiten. Dadurch soll der Prozess der Zellreinigung angeregt werden. Im Falle der Grazer Fasten-Studie wurde jeden zweiten Tag gefastet, während an den Ess-Tagen kein Verzicht ausgeübt wurde und geschlemmt werden durfte.
Also würden Sie das Fasten selbst Leuten empfehlen, die gesund sind und keine Kilos verlieren wollen?

Das kann durchaus Sinn machen. Es geht beim Fasten nicht nur um den Gewichtsverlust, sondern auch um die Vorbeugung. Wenn man fastet, sinken Herzrate und Blutdruck, eventuelle Blutgefäßschädigungen gehen zurück, Stoffwechselprodukte verändern sich. Der Anteil der wichtigen, ungesättigten Fettsäuren steigt an.

CommentCreated with Sketch.5 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Sie sprachen davon, dass das Fasten das Leben verlängert. Wie soll das funktionieren?

Regelmäßige Fastenintervalle verändern unseren Stoffwechsel positiv. In den Zellen werden Mechanismen aktiv, unter anderem die Autophagie, das "Recycling"-Programm der Zelle, das dafür sorgt, dass kaputte Teile aus der Zelle entfernt werden. Die Zelle bekommt so Energie und reinigt sich gleichzeitig von "molekularem Schrott". Letzteres hat einen positiven Effekt auf die Funktion von Zellen und führt zu einem besseren Gesundheitszustand und einer längeren Lebensspanne. Je älter man wird, desto langsamer wird der Prozess der Zellerneuerung. Das definiert das Altern.

Ihre Hypothese ist, dass eine Zelle „aufgeräumt" wird, wenn Sie keine Nahrung bekommt?

Genau. Beim regelmäßigen Nahrungsverzicht werden Prozesse wie die Zellreinigung aktiviert. Unsere Studie zeigt: Wenn man einen Tag fastet, wird die Konzentration der ungesättigten Fettsäuren im Blut erhöht und die Zellen kommen lange mit dem aus, was sie haben. Eine Zelle kann sich anpassen, um zu überleben und auf gewisse Schäden vorbereitet zu sein.

Auszug aus der Studie: "Die Kurzzeit-Effekte beinhalten eine gesteigerte Fettreduktion und Herzgesundheit."

Ab wann ist Fasten effektiv?

Der kürzeste Zeitraum, den wir uns angeschaut haben, waren vier Wochen. Bei den Teilnehmern zeigte sich bei so einem kurzen Zeitraum bereits ein Gewichtsverlust und eine verbesserte Herzgesundheit. Auch bei Personen, die sechs Monate bis zwei Jahre gefastet haben, gab es nur positive Auswirkungen.

Ist es nicht unnatürlich, immer wieder so lang auf Essen zu verzichten?

Unser Körper, bzw. auch unsere Zellen, kennen den Zustand des Nahrungsverzichts sehr gut. Erst seit weniger als 100 Jahren leben wir in einer Überflussgesellschaft, die der großen Mehrheit in den entwickelten Länder wie Österreich ermöglicht, mehrmals täglich zu essen. Daher ist das Fasten nichts Ungewöhnliches für unseren Körper. Unsere Studie zeigte keinerlei Nebenwirkungen, wenn man jeden zweiten Tag fastet.

Gab es einen vorgegebenen Ernährungsplan?

Jede Gruppe fastete mit dem gleichen, abwechselnden Konzept. Einen Tag fasten, einen Tag nicht. Wir haben die Ernährung unserer Probanden mit Ernährungstagebüchern dokumentiert, aber ihnen keinen Ernährungsplan vorgelegt. Die Studienteilnehmer konnten sich so weiter ernähren wie bisher. Wir haben lediglich die Blutzuckerwerte gemessen, um zu kontrollieren, dass die Personen tatsächlich fasten.

Die Forschungsgruppe rund um Frank Madeo, wo Sie auch geforscht haben, hat entdeckt, dass ein Stoff namens Spermidin ähnliche Wirkung wie das Fasten haben kann. Können Sie uns erklären, was dahinter steckt?

Spermidin ist ein Stoff, der in allen Zellen in unserem Körper zu finden ist. Diese natürliche Substanz aktiviert die Zellreinigung ähnlich wie das Fasten, ohne dabei auf die Nahrung verzichten zu müssen. Dadurch entsteht kein Abnehmeffekt wie bei einer Fastendiät, aber die Zellreinigung wird aktiviert und die zelluläre Lebensspanne verlängert. Erste Studien an Menschen mit dieser Substanz konnten bereits positive Effekte auf die Herzgesundheit und Gedächtnis- und Lernfähigkeit zeigen. Diese Substanz ist einer der besten Kandidaten im Bereich der Anti-Aging Medizin. Die interessantesten Anwendungen von Spermidin fallen gerade in die erwähnten Bereiche, also Risikosenkung von Demenz- und Herzerkrankungen, aber auch weitere potenzielle Nutzen werden gerade erforscht.



Nachdem eine Ihrer Spezialisierungen die Alterungsforschung ist: Wie sehen Sie die Entwicklungen und Bemühungen der Forschung in Richtung Lebensverlängerung und Unsterblichkeit? Kann Fasten das Leben verlängern
?

In den letzten Jahren hat man unterschiedliche Methoden der Lebensverlängerung und des Anti-Agings ausprobiert. Mit dem Ziel, die Gesundheit der Menschen zu verbessern, indem man die Gesundheit der Zelle verbessert und so Herzerkrankungen und Alzheimer oder gewisse Krebsarten verhindern kann. Ich sehe die Entwicklung als positiv, solange man sich an gesetzliche Regelungen hält. Fasten und Spermidin sind nicht die eine Lösung für alles, aber zwei, die schon sehr fortgeschritten sind.

ThemaCreated with Sketch.Mehr zum Thema

Nav-AccountCreated with Sketch. Gudrun Angerer TimeCreated with Sketch.| Akt:
GesundheitForschung

CommentCreated with Sketch.Kommentieren