Hat Schwedens lockeres Covid-Modell funktioniert?

Schweden hat von Anfang an deutlich weniger einschneidende Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ergriffen als andere Länder.
Schweden hat von Anfang an deutlich weniger einschneidende Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ergriffen als andere Länder.via REUTERS
Schweden hat in der Corona-Krise am wenigsten Beschränkungen eingeführt. Die Folge: Viele Todesfälle, aber glückliche Menschen. Zeit, für eine Bilanz.

Immer wenn er in einem Interview gefragt wurde, hatte der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnelldie gleiche Antwort parat: "Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen". Mit selbstsicherer Attitüde sagte er erstmals im April 2020, wiederholte es dann im Juni, im September, im Dezember und dann schließlich im April dieses Jahres: "Urteilen Sie in mindestens einem Jahr über mich."

Nun: Wie gut macht sich der vielbeachtete Sonderweg Schwedens, mit dem das Land in der Corona-Krise mit weniger strikten Beschränkungen des öffentlichen Lebens gegangen war? Dafür müsste man sich zunächst die aktuellen Fallzahlen ansehen: Bis heute wurden in Schweden 1.126.813 Fälle von Covid-19 registriert, 14.692 Menschen kamen durch die Krankheit ums Leben. Ist dies ein Erfolg? Eine Niederlage?

Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus: Die britische "Telegraph" zelebrierte neulich die "gerettete geistige Gesundheit der schwedischen Bevölkerung", das Portal "Business Insider" titelte hingegen: "Zu viele Tote, es hat nicht funktioniert."

War es eine Niederlage?

Da bleibt ein Vergleich mit den Nachbarländern: Die rund 1,1 Millionen Erkrankten in einer Gesamtbevölkerung von 10,2 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen will heißen, dass knapp elf Prozent der Schweden und Schwedinnen an Covid-19 erkrankt sind. Ein Rekord, wenn man nach Norwegen schaut: Dort sind nur 2,9 Prozent der Bevölkerung erkrankt. In Finnland sind es mit 2,2 Prozent noch weniger Corona-Fälle. Eine Niederlage also?

Kein klares Ja. Denn selbst wenn man Schweden mit seinen skandinavischen Nachbarn vergleicht, war die Pandemie bisher keine Katastrophe. Zum einen, weil die Spitäler auch in den schlimmsten Momenten den Bedürfnissen nachkommen konnten. Aber auch weil die Beschränkungen gar nicht so lax waren, wie es den Anschein machte. Die Schwedinnen und Schweden – die als Skandinavierinnen und Skandinavier ohnehin zur Isolation neigen – haben sich seit Beginn der Pandemie weniger bewegt als in normalen Zeiten, auch wenn es keine offiziellen Einschränkungen gab.

Die Schulen blieben zwar geöffnet, aber die Gymnasien und Universitäten haben ihre Aktivitäten komplett ins Internet verlagert, die über 16-Jährigen erhalten ausschließlich Fernunterricht. Diese Maßnahmen reichten vielleicht schon aus, um die unkontrollierte Ausbreitung der Ansteckungen einzudämmen. Während nun die Kurven in ganz Europa, einschliesslich Dänemark und Norwegen, weiter ansteigen, ist die schwedische Kurve momentan weniger steil. Ein Erfolg dann?

War es ein Erfolg?

Auch kein klares Ja. Denn zur Sicherheit wird seit wenigen Wochen einem größeren Anteil der schwedischen Bevölkerung im nächsten Jahr eine Auffrischungsdosis der Corona-Impfung angeboten. "Die Einschätzung ist, dass es nicht möglich ist, das Virus auszurotten", gab Anders Tegnell zu. "Deshalb sollte die Impfarbeit langfristig angelegt und auf die Verringerung von schweren Erkrankungen und Todesfällen ausgerichtet sein." Bislang haben rund 78 Prozent aller erwachsenen Schwedinnen und Schweden mindestens eine Impfdosis gegen Covid-19 erhalten, 51 Prozent auch schon ihre zweite Dosis.

Mit einer Auffrischimpfung befindet sich Schweden auf Linie mit einer Reihe von anderen europäischen Staaten. So gilt also laut "Corriere della Sera" der famose Satz von Epidemiologe Tegnell bis auf Weiteres: "Es ist zu früh, um das zu beurteilen".

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