Niederösterreich

Heikle Abweichung! Wie stabil ist die Stromversorgung?

Über eine Stunde lang lag die Frequenz des Netzes gestern auf nur rund 49,84 Hertz. "Das ist besorgniserregend", so Blackout-Experte Herbert Saurugg.

Herbert Saurugg weiß, was im Blackout-Fall zu tun ist.
Herbert Saurugg weiß, was im Blackout-Fall zu tun ist.
istock, Business-Foto-Wien

Die Stromnetze in Europa sind miteinander verbunden und werden synchron mit einer Frequenz von 50 Hertz betrieben. Bei einer Frequenz von 50 Hertz läuft das Stromnetz stabil – sozusagen die sichere Währung für eine Stromversorgung

160 Millihertz Abweichung

Am Dienstagnachmittag, kam es zwischen 15 und 20 Uhr zu einer deutlichen Unterdeckung. Um 18:56 Uhr sackte dann die Frequenz sogar um 160 Millihertz auf  49,84 Hertz ab – zuletzt war die Frequenz vor einem Jahr so niedrig. Seit 2019 wurde dieser Wert nur achtmal erreicht.

    Herbert Saurugg weiß, was im Blackout-Fall zu tun ist.
    Herbert Saurugg weiß, was im Blackout-Fall zu tun ist.
    istock, Business-Foto-Wien

    "Problematisch wird es zwar erst ab 49,80 Hertz, doch die niedrige Frequenz hielt sich gestern über eine unüblich lange Zeit. Die Regelung griff erst richtig nach einer Stunde, was normal binnen 15 Minuten passieren müsste", erklärt Blackout-Experte Herbert Saurugg, der den Vorfall als besorgniserregend ansieht.

    Längere Abweichungen häufen sich

    Denn: Bereits am 10., 13. und 25. März hatte es größere Frequenz-Abweichungen in der Dauer von über einer Stunde gegeben. Maßnahmen würden ab einer Abweichung von 200 Millihertz getroffen werden. "Da werden dann Kraftwerke abgeschaltet. Bei einer Frequenz von zum Beispiel 49 Hertz werden 10 % der Kunden vom Netz genommen. Die Abweichungen mögen nicht dramatisch klingen, doch das geht dann binnen Sekunden. 

    Am Freitag, dem 8. Januar 2021, war es um 14:05 Uhr zu einem noch weit gravierenderen Vorfall im europäischen Stromversorgungssystem gekommen, der im größten zusammenhängenden Stromnetz der Welt zu einer weitreichenden Netzauftrennung führte. "Da haben wir eben einen kritischen Wert von unter 49,80 erreicht (Anm.: 49,746 Hz). Da wurden dann Industrieunternehmen in Italien und Frankreich mit einem Versorgungsvolumen von Wien abgeworfen", weiß Saurugg.

    Die Gründe für die Abweichungen lägen laut Herbert Saurugg in zu geringen Kraftwerksleistungen, Abweichungen bei erneuerbarer Energie sowie der niedrigen Außentemperatur.

    Spielraum gering

    Der Spielraum ist wahrlich ein geringer: 200 Millihertz nach oben und unten: "Steigt die Frequenz, weil zu viel Strom produziert wird, ist das genauso problematisch wie eine zu geringe Stromerzeugung, bei der die Frequenz abfällt. Unter Tags könnten sich dann quer über Europa viele alte Photovoltaikanlagen gleichzeitig vom Netz trennen, da das ursprünglich so vorgeschrieben wurde. Das könnte dann zu einem gefährlichen Jo-Jo-Effekt führen, der eine Kettenreaktion auslösen kann. Die dramatischen Folgen: Es könnte zu einer Überlastung und Schutzabschaltung von Umspannwerken oder Kraftwerken kommen, was dann zu einem großflächigen Stromausfall führen kann. Im schlimmsten Fall, zu einem überregionalen Blackout. Der Strom fällt aus.

    Herbert Saurugg hält ein solches überregionales und folgenschweres Ereignis, also ein Blackout, in den nächsten Jahren für sehr realistisch.