Marcel Hirscher schaute bei der Formel 1 in Spielberg vorbei, plauderte dort in einer Medienrunde über sein Comeback, Lindsey Vonn und die Fußball-WM. "Heute" war dabei.
Herr Hirscher, wie geht es dem Knie?
"Es wird besser. Überraschend, wie lange das gedauert hat. Eine Reha kann top laufen und sie kann auch anders laufen. Langsam merke ich, es ist fast so wie vorher. Zehn Prozent fehlen noch."
Sie haben lange pausieren müssen.
"Ja, ich habe ordentlich pausieren müssen. Ich hatte um den Jahreswechsel starke Schmerzen und dann musste ich mit dem Skifahren aufhören und bin seit dem 2. Februar keinen Schwung mehr gefahren. Was nicht förderlich ist, aber es war notwendig. Es hatte so keinen Sinn. Das beste Beispiel ist Alaba, bei dem hat es auch ewig gedauert. So schlimm war es bei mir nicht, aber es bleibt eine schmerzhafte Angelegenheit."
Können Sie diese zehn Prozent noch aufholen?
"Das werden wir sehen. Ich gebe nicht auf und mache jeden Tag, was geht. Minimale Fortschritte sind da. Ob es dann wieder so wird, dass ich mich fühle, wie es sein muss, werden wir sehen."
Also ein Comeback ist noch offen?
"Nein, ich probiere das auf jeden Fall. Ich gehe zurück auf den Schnee, ich trainiere jeden Tag insgesamt 20 bis 25 Stunden die Woche. Wenn ich jetzt noch ein Startticket bekomme, dann werde ich das probieren."
Nimmt es einen mit, wenn eine Reha nicht so läuft, wie erhofft?
"Ich habe meine Pokale im Regal (lacht). Von dem her ist es eine Erfahrung mehr. Es ist natürlich nicht super, aber ich kann es jetzt für die Zukunft einordnen. Wenn ein Athlet so ein Thema hat, kann ich das jetzt mitfühlen. Ich war immer unverletzt und jetzt weiß ich schon, dass das eine Karriere kosten kann."
Haben Sie ein konkretes Ziel bei Ihrem Comeback, mit dem Sie happy wären?
"Es wäre schön, das Gefühl zu haben, ich kann wieder ordentlich Gas geben. Das war letztes Jahr mit den Schmerzen nicht möglich, das war eine lauwarme Partie."
Wie hat sich die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit geändert?
"Man hat klar gesehen, dass es kein Selbstläufer ist. Trotzdem war Sölden 2024 eines meiner schönsten Rennen, das ich ohne Ende genossen habe. Man hat bei Lindsey Vonn gesehen, was möglich ist. Ich bin der Erste, der das bei den Männern macht. Wir werden sehen, was möglich ist. Es ist ein Projekt."
Hatte Lindsey Vonn aufgrund dessen, dass sie in den Speed-Disziplinen an den Start geht, einen Vorteil im Vergleich zu Ihnen als Techniker?
"Man weiß, dass im Speed-Bereich Erfahrung viel vom Erfolg ausmacht, aber das gibt es in den technischen Disziplinen auch. In Alta Badia gibt es drei Kurven, die müssen sitzen."
Kommen wir zu Van Deer. Sie haben mit Kristoffersen das erste Zugpferd verloren. Ist das ein Rückschritt für die Firma oder ein Kurswechsel?
"Ich bin extrem dankbar für das, was wir gemeinsam erreicht haben. Ohne Henrik würden wir nie so dastehen, wie wir es jetzt tun. Weltmeister, erster Sieg, Kugel – er hat extrem geliefert. Aber jetzt war der Zeitpunkt für uns beide zu sagen, wir gehen den nächsten Schritt mit der neuen jungen Generation. Henrik wollte wahrscheinlich für seine letzten vier Jahre noch einmal etwas Neues, aber das muss er beantworten. Natürlich werden wir nicht mehr so am Fließband Podien einfahren. Das wird jetzt ein bis zwei Jahre dauern. Aber unser Leader Timon Haugan kann in zwei Disziplinen gewinnen und auch Paula Moltzan ist spannend."
Wie wichtig ist Ihnen der Damen- und Speedbereich?
"Wir werden schauen, wie weit wir das aufmachen. Wir werden uns konsolidieren. Mit der aktuellen Nummer zwei in Amerika nach Shiffrin ist mit Paula viel möglich. Der Speedbereich ist reizvoll, aber man muss alles mal zwei rechnen an Ressourcen. Jetzt machen wir einmal den Schritt und irgendwann vielleicht den nächsten."
Wie zufrieden sind Sie mit dem wirtschaftlichen Weg von Van Deer?
"Extrem eigentlich, auch wenn die Anfangsverluste wild ausschauen. Aber wir müssen ja erst starten. Mit dem, was wir prinzipiell an den Markt abgeben, bin ich extrem positiv überrascht."
Wie wichtig ist Ihre Präsenz im Weltcup, um die Marke zu stärken?
"Es geht prinzipiell darum, dass das Produkt gut ist. Dass ich da Rennen fahren kann, hilft, ist aber nicht der Grund, warum ich an den Start gehe. Marketing können wir auch anders machen."
Wie wichtig ist das neue Headquarter?
"Es ist unglaublich. Die modernste Skifabrik der Welt – das ist schon geil. Ich bin sehr happy und stolz, dass das in Salzburg und in Österreich steht und nicht irgendwo anders."
Sollen die FIS und der Weltcup globaler werden?
"Ich bin der Meinung, dass man Stärken stärken sollte und nicht versuchen sollte, Schwächen zu stärken. Darunter verstehe ich Orte, an denen der Skisport Publikum, Begeisterung und Euphorie hat. Da fällt mir die WM in St. Moritz ein. Das waren Bilder – wow, Gänsehaut. Man muss das forcieren. Vielleicht Damen und Herren zusammenlegen, wie bei den Weltcup-Finals. Das Starterfeld verkleinern, nur 30 Athleten startberechtigt. Dadurch werden die Europacup- und FIS-Rennen aufgewertet. Aber das ist nur meine Meinung."
Der Skisport gilt als sehr traditionell, was Marketing und neue Ideen angeht. Würden Sie sich mehr Mut in dieser Hinsicht wünschen?
"Es ist eine Frage der Struktur. Eine Systemfrage. Die Ideen und Athleten sind da. Die gibt es."
Konkrete Ideen?
"Diese dürfen andere umsetzen. Aber prinzipiell sind die Athleten und das Surrounding, die Zutaten, da. Da kann man viel, viel mehr machen."
Wie haben Sie den Weg von Lindsey Vonn verfolgt?
"Ja, mega. Ich bin einer, der eine Lanze für das Ganze bricht. Dieser Unfall kann immer passieren, aber sie hätte ohne den Unfall wahrscheinlich gute Chancen gehabt. Die war on fire. Ich finde es großartig, den Mut zu haben, das zu probieren, obwohl es vorher noch nie jemand gemacht hat. Und zu sagen, sie hat dort nichts verloren, obwohl sie das rote Trikot hatte? Wer sagt, du hast dort nichts verloren im roten Trikot? Unfassbar. Ich finde es einfach mega. Für sie tut es mir leid, dass es passiert ist, aber für den Sport war es eine Mega-Aufwertung."
Wäre es denkbar, dass Lindsey Vonn für Van Deer fährt?
"Das könnte man jetzt nie darstellen. Das ist ein Projekt auf vier Jahre gesehen. Das muss entwickelt und konzipiert werden. Man legt den Ski nicht einfach hin und fährt. So einfach ist es leider nicht."
Gibt es einen konkreten Zeitplan, wann Sie auf die Ski zurückkehren?
"Wir haben nächste Woche ein Meeting, ob Neuseeland ein Thema werden kann. Das wird sich aber eher noch nicht ausgehen. Ergo verschiebt sich der Einstieg. Aber wie vorher gesagt: Die fehlenden zehn Prozent braucht es"
Was sind die fehlenden zehn Prozent?
"Da geht es um Kraft, da geht es um Symmetrie."
Haben Sie die Fußball-WM geschaut?
"Nein, aber die Österreich-Spiele habe ich mir angeschaut. Das Argentinien-Spiel habe ich gesehen, heute bin ich nicht aufgestanden."
Was geht gegen Spanien?
"Wenn ich das wüsste, wäre ich Teamchef (lacht). Alles ist möglich, man kann überraschen. Bei der Erwartungshaltung muss man realistisch sein. Aber es ist viel möglich."