Fünf Frauenmorde in Wien

"In 24 Stunden so viele Femizide wie im Jahr 2023"

Innerhalb weniger Stunden wurden am Wochenende fünf Frauenmorde in Wien bekannt. Zwei Expertinnen über die Situation und woran es in Wien mangelt.

Christine Scharfetter
"In 24 Stunden so viele Femizide wie im Jahr 2023"
Nicole Krejci, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrum Wien, Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Kathrin Gaál und Maja Markanović-Riedl, ­­­­AÖF-Co-Geschäftsführerin (v.l.n.r.).
"Heute"-Montage: Sabine Hertel, Video3, Michael Indra / SEPA.Media / picturedesk.com, HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com

Es waren erschütternde Nachrichten zum Wochenendstart: Eine 13-Jährige und ihre Mutter wurden am Freitagmorgen tot in ihrer Wohnung im 3. Wiener Gemeindebezirk aufgefunden. Drei weitere Frauen wurden am Abend Opfer einer Messerattacke in der Brigittenau. 

Fünf getötete Frauen an einem einzigen Tag – durch Männerhand. "Das sind innerhalb von 24 Stunden so viele Femizide, wie in Wien im gesamten Jahr 2023. Und eben habe ich erfahren, dass der nächste mutmaßliche Femizid in Niederösterreich stattgefunden hat", zeigt sich Maja Markanović-Riedl, ­­­­Co-Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) im "Heute"-Gespräch schockiert. "Die Zahl der Femizide in Österreich ist seit Jahren konstant beunruhigend hoch. Es melden sich nicht nur  gewaltbetroffene Frauen, sondern auch Angehörige und Nachbarn der Betroffenen." Viele Frauenhäuser seien deshalb stark ausgelastet. "Aber trotzdem kann sich jede gewaltbetroffene Frau an uns wenden."

Österreichweit wurden laut den Zahlen des AÖF im Vorjahr insgesamt 26 Frauen durch Männerhand getötet, weil sie Frauen waren. Zusätzlich dazu wurden 2023 zwei weitere Morde mit Frauen als Opfer und 51 Mordversuche oder Fälle schwerer Gewalt an Frauen gezählt.

Gefährlichkeitsfaktoren und Bewusstsein

Zahlen, die es nur gibt, weil der Verein die (versuchten) Femizide anhand von Medienberichten zählt. "Das muss zu einer staatlichen Aufgabe werden", bemängelt Markanović-Riedl. "Femizide, also Morde an Frauen durch Männerhand, finden zumeist im häuslichen Kontext statt. Die bisher gesetzten Maßnahmen greifen nicht weit genug. Gewalt gegen Frauen muss als eigenständiges Kriminalitätsphänomen anerkannt werden." Dazu müsse der Begriff Femizid zwecks internationaler Vergleichbarkeit allerdings in die polizeiliche Kriminalstatistik und in juristische Statistiken Einzug finden.

Ich bin tief betroffen, erschüttert und traurig. Mein Mitgefühl und meine Gedanken sind bei den Angehörigen. Wichtig ist, dass Frauen, die von Gewalt betroffen sind, rasch und unbürokratisch Hilfe und Unterstützung bekommen. Die Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs und der Wiener Frauenhäuser sind rund um die Uhr für Betroffene da! Mein Appell an alle lautet: Wer mitbekommt, dass jemand von Gewalt betroffen ist: Hinschauen – und anrufen! Was wir dringend österreichweit brauchen, ist ein regelmäßiger Austausch und Gewaltschutzdialog zwischen Bund und Ländern – gemeinsam mit den Opfer- und Gewaltschutzeinrichtungen. Hier ist der Bund gefordert.
Kathrin Gaál
Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin

"Wir haben in den letzten Jahren immer einen relativ kontinuierlichen Anstieg bei der Zahl der Klientinnen", erklärt auch Nicole Krejci, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrum Wien. Woran das liegt, könne man jedoch nicht mit absoluter Gewissheit sagen. "Das kann mit Corona zusammenhängen, da hier die Dinge, die wir als Gefährlichkeitsfaktoren definieren, wie Arbeitslosigkeit oder der Konsum von Suchtmitteln, gestiegen sind. Oder damit, dass das Bewusstsein dafür gewachsen ist und die Leute eher bereit sind, sich bei der Polizei zu melden."

Fehlende Gesamtstrategie

Um derartige Morde verhindern zu können, brauche es flächendeckende österreichweite Präventionsarbeit. "Diese muss auf allen politischen Ebenen stattfinden. Dafür brauchen wir eine staatliche Gesamtstrategie zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt", so Markanović-Riedl.

Es mangle an Ressourcen auf verschiedenen Ebenen. Angefangen bei zu wenig Plätzen in Frauenhäusern. "Es muss mehr Geld in Beratung und Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen investiert werden. Und nicht zuletzt braucht es noch mehr Kampagnen und Aufklärungsarbeit, um ein Bewusstsein für die alltägliche Gewalt, der Frauen tagtäglich ausgesetzt sind, zu schaffen."

Betroffenen Frauen rät Markanović-Riedl ganz klar: "Geht es um eine akute Bedrohungssituation, dann empfehlen wir, sich direkt an die Polizei zu wenden." Diese sei ein wichtiger Partner des AÖF. Dennoch gebe es immer wieder Berichte von betroffenen Frauen, "die darauf hinweisen, dass ihnen nicht geglaubt wird." Regelmäßige Schulungen der Beamtinnen und Beamten sollen hier Abhilfe schaffen. "Wichtig ist, dass die Polizei auf Seiten der gewaltbetroffenen Frauen steht."

Gleichzeitig könne sich jede gewaltbetroffene Frau - aber auch Angehörige - anonym, kostenlos und österreichweit an die AÖF-Frauenhelpline wenden.

Hilfe bei Gewalt

Die AÖF-Frauenhelpline ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800 222 555. Wenn man lieber schreiben möchte, kann man sich an den HelpChat wenden, jeden Tag von 18-22 Uhr und jeden Fr. von 9-23 Uhr unter dem Link https://haltdergewalt.at
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Sowohl der 24-Stunden Frauennotruf (01/71719), als auch der Frauenhaus-Notruf des Vereins Wiener Frauenhäuser (05 77 22) sind rund um die Uhr besetzt. In Krisen und Notsituationen sind die Wiener Frauenhäuser für von Gewalt Betroffene da: www.frauenhaeuser-wien.at

Die Gewaltschutzzentren Österreichs sind kostenlos und vertraulich unter erreichbar 0800 700 217, www.gewaltschutzzentrum.at

Auf den Punkt gebracht

  • Am Wochenende wurden in Wien innerhalb von 24 Stunden fünf Frauenmorde durch Männerhand verübt, was einer erschreckenden Zahl von Femiziden entspricht
  • Experten bemängeln fehlende staatliche Maßnahmen und Ressourcen sowie die Notwendigkeit einer gesamtstaatlichen Strategie zur Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt
  • Betroffene Frauen werden ermutigt, sich bei akuten Bedrohungssituationen direkt an die Polizei zu wenden
kiky
Akt.
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