Denn bisher erlebten die Ski-Fans die wohl verrückteste Slalom-Saison aller Zeiten. Top-Favoriten zeigten Nerven, Halbzeit-Führungen sind eher ein Hindernis als ein Vorteil und verrückte Aufholjagden können bis zu Sensationssiegen führen.
So ist es auch kein Wunder, dass es in den bisher sechs ausgetragenen Saisonläufen sechs unterschiedliche Sieger gab – Clement Noel (Frankreich), Sebastian Foss-Solevaag (Norwegen), Johannes Strolz (Österreich), Lucas Braathen (Norwegen), Dave Ryding (Großbritannien) und Linus Straßer (Deutschland). Braathen führt die Weltcup-Wertung darüber hinaus mit gerade einmal 257 Punkten nach sechs Rennen an. Das macht einen Schnitt von 42,8 Punkten pro Rennen – oder durchschnittlich einen fünften Platz.
Dabei begann die Saison noch mit einer echten Machtdemonstration. Noel raste beim ersten Saison-Slalom von Val d´Isere zu einem überlegenen Erfolg, hatte schließlich 1,4 Sekunden Vorsprung auf den Schweden Kristoffer Jakobsen. Es sollte bisher der einzige Slalom der Saison bleiben, in dem eine Halbzeit-Führung auch in einen Rennsieg umgemünzt werden konnte.
Bereits der Nachtslalom von Madonna di Campiglio war an Dramatik nicht zu überbieten. Noel lag nach Lauf eins überlegen in Führung, griff bereits nach dem zweiten Sieg in Folge, bis der Franzose zwei Tore vor dem Ziel die Balance verlor und stürzte. Somit erbte Foss-Solevaag, nach dem ersten Durchgang noch Zweiter, den Sieg.
In Adelboden erwischte es dann gleich zwei ÖSV-Stars. Fabio Gstrein und Manuel Feller führten zeitgleich auf dem Chuenisbärgli, doch Strolz raste im zweiten Durchgang noch vom siebten Platz zum Sensationssieg, Feller wurde schließlich Zweiter, Gstrein schied aus. Immerhin schaute ein Doppelerfolg für den ÖSV heraus.
Braathen sorgte derweil in einem denkwürdigen zweiten Durchgang von Wengen für einen Weltrekord. Nach Lauf eins noch auf dem 29. Platz liegend katapultierte sich der Norweger bei schwierigen Pistenverhältnissen im zweiten Durchgang zum Sieg - eine größere Aufholjagd hatte es noch nie im Weltcup gegeben. Dies gelang allerdings auch nur, weil Landsmann Henrik Kristoffersen nach der Halbzeit-Führung auf dem Weg zum sicher geglaubten Sieg vier Tore vor dem Ziel einfädelte.
Auf dem Ganslernhang erlebte dann Dave Ryding eine echte Sternstunde, fuhr bei dichtem Schneefall zum ersten britischen Weltcup-Erfolg der Geschichte. Dabei lag der 35-jährige Brite nach Lauf eins bloß auf dem sechsten Rang. Allerdings versagten den Top-Läufern in der Entscheidung abermals die Nerven. Giuliano Razzoli und Foss-Solevaag schieden aus, der zweitplatzierte Noel rutschte nach einem schweren Bock auf Rang 15 zurück. Und der Halbzeit-Führende Alex Vinatzer vergeigte Lauf zwei und landete auf Rang 18.
Und auch auf der Planai endete die Halbzeit-Führung des Schweden Jakobsen in einem Drama. Der 27-Jährige stand zum ersten Mal als Letzter im Starthaus, kam allerdings gerade einmal drei Tore weit und fädelte ein. So erbte der Deutsche Straßer den Sieg. Der 29-Jährige lag zur Halbzeit bloß auf Rang fünf, raste schließlich zum Sieg. Während ÖSV-Ass Feller nur wenige Stunden nach dem Ende seiner Corona-Quarantäne im zweiten Durchgang noch von Rang 28 aufs Stockerl fuhr, Dritter wurde.
Der nächste Slalom wird im Zeichen der fünf Ringe gefahren, dann wird in Peking Gold, Silber und Bronze vergeben. Mit einem noch nie dagewesenen Favoritenkreis. Braathen, Foss-Solevaag, Straße, Feller, Noel, Ryding, Kristoffersen, Razzoli, Vinatzer, Atle Lie McGrath, aber auch die konstanten Schweizer Daniel Yule und Loic Meillard sind im Rennen. Genauso wie die ÖSV-Asse Feller, Strolz, Michael Matt und Marco Schwarz.
Doch klar ist: Keiner wird zur Halbzeit in Führung liegen wollen...