"It Takes Two" im Test: Besser war Koop bisher nie

Mit "A Way Out" brachten die Hazelight Studios 2018 ein spitzenmäßiges Koop-Game auf den Markt. Das neue "It Takes Two" toppt das noch einmal gehörig.

Mit "A Way Out" ließen die Hazelight Studios 2018 Konkurrenten erblassen. Der Koop-Titel erschien ohne großes Trara und wurde zum Besten, das das Genre zu bieten hatte: Eine Geschichte à la "Prison Break", online oder lokales Koop-Gameplay, spannende Aufgaben für zwei, feine Musik und eine einfache Steuerung – und keine Abzocke! Denn um den Titel mit einem Freund online zu spielen, konnte der Vollversions-Besitzer einfach kostenlos einen Kameraden in die Partie einladen.

Schon damals war im Test der Jubel groß, nun ist er noch größer. Über den Publisher Electronics Arts hat das Studio nun das neue Koop-Game "It Takes Two" für PC, PlayStation 4 und 5 sowie Xbox One und Series X|S veröffentlicht. Dieses sieht zwar optisch wie ein Kinderabenteuer aus und bietet witzige Szenen, hinter der innovativen Aufmachung versteckt sich aber ein Spiel mit sehr viel Emotionen und Tiefgang, das auch beim Gameplay anständig fordert. Und wie beim Vorgänger ist hier Koop-Zocken Pflicht, denn weder gibt es einen Singleplayer-Modus, noch eine KI-Begleitung für Einzelspieler.

Paar-Therapie mit Tiefgang

Hauptfiguren sind Cody und May, ein Paar, das nach einer glücklichen Zeit gemeinsam nun immer mehr vom Streit getrennt wird. Das bekommt auch Töchterchen Rosie mit, was Magisches auslöst. Rosies Tränen verwandeln das Paar in Puppen, die sich nun in einer mysteriösen Welt zusammenraufen müssen, um wieder das alte Leben zurückzubekommen – und die Beziehung zu retten. Die Handlung zeigt dabei zwar keine großen Überraschungen, aber jede Menge Tiefgang und Emotion.

Spielerisch lässt sich "It Takes Two" allerdings schwerer einordnen. Mal über weite Strecken 3D-Plattformer, mal Rätsel- und Adventure-Game, mal Rollenspiel und Action- oder Fighting-Kracher, der Titel wechselt ebenso oft die Schauplätze wie das Genre, was es zu einem der abwechslungsreichsten Spiele des Jahrzehnts macht. Überfordert wird man allerdings nicht, denn jeder Genre-Wechsel und jede neue Mechanik wird auch in die Handlung eingebunden und fügt sich natürlich in die Geschichte ein.

Perfekte Zusammenarbeit ist alles

Die Spielwelt besteht für unsere geschrumpften Puppen aus den eigenen vier Wänden und dem Drumherum, allerdings aus völlig neuer Sicht. Im Puppenkörper lassen sich nicht nur der Werkzeugschuppen oder das Kinderzimmer, sondern auch gleich ein Staubsauger oder andere Haushaltsgeräte begehen und erkunden. Auch hier wird nicht einfach mit Standard-Kulissen gearbeitet: So wird die Reise durch den Staubsauger zur Plattformer- und Rätselpassage, an deren Ende man gegen den alten Sauger antritt – dessen Gefühle eine Staubsauger-Neuanschaffung verletzt haben.

Ohne Zusammenarbeit geht im Game übrigens gar nichts, was gut ist. Besser kann ein Game nämlich zwei Spieler gar nicht einbinden. Mal muss ein Spieler eine Vorrichtung aufschieben, um dem Koop-Partner einen Durchgang zu schaffen, mal ein Zocker Holznägel in Bretter schießen, damit sich der andere über gewaltige Abgründe hangeln kann. "It Takes Two" nutzt aber auch weit komplexere Mechaniken: Im Verlauf des Spiels kann man seine Körpergröße verändern, Klone von sich herstellen und die Zeit manipulieren.

Saukomisch, aber auch fordernd

Die Rätsel sind dabei knifflig, aber immer lösbar, die Plattformer-Passagen oft aber auch nichts für Anfänger. Während es in Sprung- und Hangelpassagen vor allem um Präzision geht und kleinste Fehler zum Absturz führen können, sind in Lauf- und Rutsch-Sequenzen oder bei der Fortbewegung über Erde, durch Wasser oder in der Luft teils blitzschnelle Reaktionen gefragt. Immer wieder werden auch witzige Utensilien als Vehikel verwendet, mit denen man durch die Spielwelt brettern kann. Wo sonst kam man schon mit einer Unterhose durch die Luft fliegen oder auf Fröschen herumhüpfen?

Immer wieder bleibt einem aber auch bei den Mechaniken der Mund offen stehen: Mal gibt es eine Sicht- oder Geräusch-Leiste bei Schleichpassagen wie in "Assassin's Creed" imm Auge zu behalten, mal prügelt man sich mit einem Lebensbalken mit Feinden um das Fortkommen und mal wechselt die Darstellung vom Split-Screen in einen gemeinsamen Vollbild-Modus oder von 3D auf 2D, was jeweils von der Handlung passend begleitet wird. So viel einem "It Takes Two" auch vorwirft, weder bringt es die Spieler aus dem Konzept, noch wirkt es einfach von anderen Spielen abgekupfert. Toll gemacht!

Spiel entscheidet selbst, wie schwer es ist

Wichtigste Instrument der Spieler ist und bleibt die Kommunikation. Knifflige Passagen benötigen fast zwingend eine verbale Abstimmung zwischen den Partner, egal ob on- oder offline. Damit nicht genug: Leichter spielt es sich in jedem Fall mit einem Freund, der Zocker-Erfahrung hat und mit dem man sich mit wenigen Worten abstimmen kann. Mit großen Schweigern und Fremden schlittert man dagegen von Hoppala zu Hoppala. Ganz großes Plus wieder für das Game: Zum Koop-Spielen braucht es auch dieses Mal nur eine Version des Games, der zweite Spieler kann gratis online eingeladen werden.

Auch wenn viele Passagen recht knifflig zu spielen sind, weicht "It Takes Two" Frustmomenten gekonnt aus. Alle paar Minuten gibt es einen Checkpoint als Speicherpunkt und beim Ableben kann in vielen Situationen die Spielfigur an derselben Stelle wiederbelebt werden. Außerdem gibt es eine weitere, geschickte Mechanik, die sich um den Schwierigkeitsgrad dreht. Wer das Spiel mit seinem Begleiter gut meistert, bekommt seine ganze Herausforderung zu spüren. Wer dagegen immer wieder an Feinden oder Passagen scheitert, für den dreht das Game des Schwierigkeitsgrad automatisch zurück, etwa durch immer weniger oder leichtere Gegner. 

Ein Juwel in jeglicher Hinsicht

Auch grafisch ist das Spiel top. In den rund 15 bis 20 Spielstunden – übrigens nicht durch Sammel-Aufgabe und Collectibles in die Länge gezogen, denn die gibt es hier nicht – bekommt man in dem lineare Abenteuer mit einigen erkundbaren Schauplätzen mit Tausenden eingestreuten, aber nicht notwendigen Aktivitäten, Großartiges zu sehen. Bei flüssigem Gameplay fallen selbst die kleinesten Details messerscharf aus und die knuffigen Figuren mit ihren hervorragenden Animationen schließt man sofort ins Herz. Auch die Umgebungen könnten abwechslungsreicher nicht sein.

Über kleinere Mängel sieht man bei einem solchen Ausnahme-Spiel zwar gerne hinweg, sie sollen aber nicht unerwähnt bleiben: Die Vertonung geschieht bisher nur auf Englisch, die Kamera verliert selten aber doch die Spielfigur mal kurt aus dem Auge und der neue DualSense-Controller der PlayStation 5 wird nicht für neue Steuerungsfunktionen genutzt. Abseits davon ist "It Takes Two" aber ein grandioses Spiel, das Genre-Grenzen mühelos überwindet und jeden Spieler eines machen lassen sollte: Sich sofort einen Mitspieler zu suchen, um es selbst zu erleben.

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