WM-Premiere für Andreas Ivanschitz! Der ehemalige ÖFB-Kapitän ergänzt die Expertenriege des ORF, analysiert auf dem Küniglberg an der Seite von Legende Herbert Prohaska ausgewählte Spieltage.
Im "Heute"-Interview verrät der 42-Jährige, wie er seine Rolle anlegt, was er von Österreich erwartet und wer seine Favoriten sind.
Herr Ivanschitz, bei welchen Spielen sind Sie bei der WM im ORF-Einsatz?
"Es gibt einen groben Plan. Ich bin mit dem Herbert Prohaska im Team. Eine WM ist auch für mich etwas Neues, es wird besonders."
Müssen Sie sich auf Ihre Auftritte vorbereiten?
"Vorbereitung ist in diesem Job elementar wichtig. Man kann aber auch sehr stark seine eigene Erfahrung einbringen, ich habe gewisse Dinge als Spieler ja selbst erlebt, kann Situationen gut einschätzen. Wichtig ist, dass man sich die bereitgestellten Daten ansieht, sich die Pressetexte über die Mannschaften im Vorfeld durchliest."
Ihr Nebenmann ist Herbert Prohaska. Ist er eine Art Experten-Vorbild?
"Jeder hat seinen eigenen Stil. Herbert macht das jetzt schon über viele Jahre sehr erfolgreich – weil er sympathisch rüberkommt, Dinge einfach erklärt und authentisch ist. Das ist wichtig. Vor der Kamera wirkt man schnell gekünstelt. Als Experte will ich Dinge ins Wohnzimmer transportieren, die spannend sind. Ich will einen anderen Blickwinkel auf Dinge legen. Und eventuell eine kontroversielle Meinung haben. Entscheidend ist, dass wir als Team eine gute Show abliefern und die Zuseher ihren Spaß haben."
Sie sind in Wien, Kollege Andreas Herzog ist in den USA. Würden Sie gerne mit ihm tauschen?
"Beide Aufgaben sind spannend. Bei mir war es aber von Anfang an klar, dass ich das aus Österreich mache. Es war zwar Thema, dass ich eventuell punktuell für einzelne Spiele in die USA fliege, aber das hat sich zerschlagen. Die Konstellation, die der ORF jetzt zusammengestellt hat, ist sehr gut. Ich bin froh, wie es ist. Der Vorteil von Herzog ist, dass er das Thema Zeitverschiebung nicht hat."
Stellen Sie Ihren Tag-Nacht-Rhythmus während der WM um?
"Ich bin schon länger am überlegen, wir haben auch intern darüber diskutiert. Es geht darum, sich tagsüber parallel zur Vorbereitung nicht zu sehr zu verausgaben. Ernährung ist sicher auch ein wichtiges Thema. Es wird eine Herausforderung, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen, die ganze Nacht hindurch frisch zu bleiben."
Wie viele Tassen Kaffee werden es?
"Ich bin Teetrinker, aber Schwarztee und grüner Tee pushen ja genauso. Definitiv wird da der Konsum steigen. Ich habe die Erfahrung, eine Nacht durchzuarbeiten, noch nicht gemacht. Powernaps tagsüber werden wichtig. Und man muss vernünftiges Essen zu sich nehmen, nicht nur Zucker. Sonst schießt der Blutzuckerspiegel hoch und dann tief runter. Man sollte ein gewisses Level halten."
Mit drei Spielern haben Sie im ÖFB-Team selbst noch zusammengespielt: Marcel Sabitzer, Marko Arnautovic und David Alaba. Haben Sie ihnen damals so eine lange und erfolgreiche Karriere zugetraut?
"Die drei sind sicher Ausnahmekicker, auf die wir stolz sein können. Man hat damals schon gesehen, dass sie außergewöhnliches Talent haben. Sie haben alle eine sensationelle Karriere hingelegt, sind ganz wichtige Stützen. Es war eine riesige Freude, mit ihnen zusammenzuspielen. Auch abgesehen von dem Trio haben wir mittlerweile Spieler, die auf internationalem Topniveau performen."
Ist Österreich heute fußballerisch stärker als zu Ihrer Zeit?
"Es war einfach ein anderer Fußball, die Gegebenheiten waren anders. Spieler begannen, ins Ausland zu wechseln. Fakt ist: Die aktuelle Mannschaft – mit Wanner und Chukwuemeka – hat eine Breite, die echt herausragend ist. Es macht Spaß, was Ralf Rangnick aus der Mannschaft herausholt. Denn das eine ist die individuelle Klasse der Spieler, aber die musst du erst zu einer Einheit formen."
Apropos Rangnick: Ist es für die Spieler wichtig, dass vor der ersten Partie seine Zukunft geklärt ist?
"Ich glaube nicht, dass es Relevanz hat. Den Spielern ist es relativ egal, ob die Tinte trocken ist oder nicht. Jeder wünscht sich, dass es weitergeht, aber die Rahmenbedingungen müssen natürlich passen, auch für den ÖFB. Ich hoffe, er verlängert. Aber es scheint alles offen. Es gab Dortmund, die Bayern, jetzt AC Milan, die Interesse haben. Man weiß, dass Rangnick ein hervorragender Fachmann auf vielen Ebenen ist. Wenn so große Vereine anklopfen, muss man sich das natürlich anhören. Ich denke aber, er wird sich wieder zum ÖFB bekennen, er hat sich hier viel aufgebaut. Er hat Spaß, Teamchef der Mannschaft zu sein. Wir wissen, was wir an ihm haben. Und er weiß, was er am ÖFB hat."
Das Team wohnt an der Westküste in Kalifornien. Sie haben selbst in den USA gespielt und gelebt. Was sind die Besonderheiten, worauf wird es ankommen?
"Das Klima kann sehr unterschiedlich sein. Wenn man zwei Stunden im Flieger sitzt, kann es schon wieder ganz anders aussehen. Ich denke, es war wichtig, die ganze Zeitumstellung zu verkraften, das dauert nämlich ein paar Tage. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Neun Stunden sind schon ein Brett. Das ist nicht wie Sommer- auf Winterzeit, sondern es ist fast ein halber Tag, richtig viel. Es ist in der ersten Phase wichtig, den Körper richtig zu belasten. Die Physios sind extrem gefordert. Später kommen die Reisestrapazen dazu. Es wird am Ende auch entscheidend sein, welche Nation mit den Umständen am besten zurechtkommt."
Auf welche Mannschaft freuen Sie sich persönlich bei der WM? Wem schauen Sie gerne zu?
"Den europäischen Mannschaften wie Frankreich, Spanien und Deutschland. Gespannt bin ich auf die Engländer. Dort hat Thomas Tuchel einige umstrittene Kader-Entscheidungen zugunsten des Mannschaftsklimas getroffen. Auch Portugal wird interessant – vor allem mit dem PSG-Duo in der Mitte. Ich freue mich aber auch auf Österreich. Ich denke, wir werden eine gute Rolle spielen."
Was heißt das konkret?
"Ich bin überzeugt, dass wir die Gruppenphase überstehen. Dann kommt es darauf an, gegen wen wir spielen. Eine Paarung mit Spanien gleich im Sechzehntelfinale wäre natürlich ein Brett. Aber vielleicht gelingt eine Sensation."
Haben Sie einen Außenseiter-Tipp?
"Ich glaube, dass einer der drei Veranstalter weit kommt. Bei Mexiko ist zwar viel Theater momentan und bei den USA ist Trainer Pochettino in der Kritik, er wirkt genervt. Kanada kann da fast am ruhigsten arbeiten."
Wie geht es mit Ihnen nach der WM weiter? Sind Sie bereit für eine neue Aufgabe?
"Wir werden sehen. Jetzt gilt mein Fokus der WM, dann will ich mich auf ein neues Projekt stürzen, es gibt ein paar Gespräche. Aber es ist noch nichts entschieden."