Ruhetag bei der Vuelta – und Zeit für Rad-Star Felix Gall, die völlig neue Situation im Kampf um den Gesamtsieg bei der Spanien-Rundfahrt einzuordnen. Nach dem Ausfall von Topfavorit Tadej Pogacar hat sich die Ausgangslage schlagartig verändert.
"Tadej war der große Favorit und hatte einen großen Vorsprung. Es kann aber viel passieren im Radsport. Sein Sturz war surreal", sagt Gall. Mit einem Ausscheiden des Superstars hatte niemand gerechnet: "Tadej wird nicht krank, stürzt nicht, sondern gewinnt normal. Jetzt ist das Rennen aber offen."
Vier Radprofis kämpfen laut Gall neben ihm um den Sieg: "Enric Mas, Primoz Roglic, Oscar Onley und Sepp Kuss." Der Osttiroler ist Gesamtdritter und macht keinen Hehl daraus, dass sich durch Pogacars Ausfall eine riesige Chance ergeben hat.
"Ich bin kein Tadej Pogacar, ich bin kein Jonas Vingegaard, aber ich brauche mich vor niemandem verstecken in den Bergen", stellt Gall selbstbewusst klar. "Vom Papier ist niemand am Start, den ich nicht schlagen kann."
Gall weiß aber auch, wie gefährlich es wäre, sich bereits mit dem Gesamtsieg zu beschäftigen. "Natürlich kann ich träumen. Es wird aber nicht einfacher jetzt auf diesem Level."
Deshalb setzt er sich vorerst ein anderes Ziel: "Mein Ziel ist das Podium. Ich bin jetzt Dritter. Das Team ist stark, ich fühle mich gut. Das ist das Wichtigste. Es wäre zu viel, wenn ich jetzt sage, ich will den Sieg. Die Vuelta dauert noch lange."
Ohne Pogacar hat sich auch die Taktik verändert. Gall bringt es mit einem bemerkenswerten Satz auf den Punkt: "Es ist leichter, Zweiter zu werden hinter Tadej als Erster ohne ihn. Jetzt ist es taktisch unvorhersehbarer."
Einer seiner großen Rivalen ist Enric Mas. Der Spanier liegt in Führung, präsentiert sich bei seiner Heim-Rundfahrt in starker Verfassung. Gall bekommt dabei Unterstützung von Gregor Mühlberger, der Mas als ehemaliger Teamkollege bestens kennt.
"Gregor kennt Enric sehr gut. Er hat mir schon ein paar Dinge gesagt", verrät Gall. Gleichzeitig könnte der steigende Erwartungsdruck zum Faktor werden: "Für Enric ist es jetzt nicht einfach. In der Heim-Rundfahrt baut sich von Tag zu Tag mehr Druck auf."
Gall sieht darin auch einen möglichen Vorteil: "Die neue Situation beflügelt Enric. Aber das kostet mit Sicherheit auch Energie. Wir können uns im Hintergrund etwas verstecken."
Er selbst versucht den Hype bewusst auszublenden. "Ich nehme mich bewusst zurück, lese keine Nachrichten und soziale Medien."
Eine Schlüsselrolle spielt Mühlberger. Gall teilt mit seinem Landsmann bei der Vuelta das Zimmer. "Der Gregor ist noch einmal stärker als beim Giro. Er ist besonders wertvoll. Er spricht Dinge im Team klar an, die man besser machen kann. Er ist am Rad und auch abseits davon sehr wichtig. Wir motivieren uns als Zimmerkollegen gegenseitig."
Schon in dieser Woche könnte das österreichische Duo wieder angreifen. "Gestern wollten wir es zu sehr. Das hat nicht zu 100 Prozent funktioniert. Diese Woche – Etappe 12 und 14 – wollen wir unsere Stärke einsetzen."
Eine mögliche Schwachstelle bleibt das Zeitfahren. Zwar habe er "Fortschritte" gemacht, Gall rechnet aber weiterhin damit, dort Zeit auf seine direkten Podiumsrivalen zu verlieren: "Vielleicht nicht so viel wie früher."
Die Entscheidung erwartet der Österreicher ohnehin später: "Die Vuelta wird nach dem Zeitfahren in zwei extrem schwierigen Bergetappen entschieden."
Die Hitze und die Ereignisse der ersten Rennwoche haben Spuren hinterlassen. Körperlich fühlt sich Gall weiterhin stark, mental kostet die Rundfahrt aber enorm Kraft. "Ich bin nicht kaputt, aber es ist schon viel vorgefallen. Die Hitze laugt aus – vor allem mental. Du musst noch konzentrierter fahren."