Nur billige Kopien?

Genauso echt! Deshalb sind Labor-Diamanten so billig

Labor-Diamanten sind echten Steinen chemisch gleichwertig. Der Preisunterschied bleibt – aus reiner Gewohnheit und wegen alter Geschichten.
Heute Life
17.08.2026, 11:49
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Ein großer Diamant bringt viel mehr Geld als viele kleine. Das klingt nach einer einfachen Rechnung: Zuerst ordentlich Hitze machen, dann die kleinen Diamanten zusammenschmelzen und am Ende abkassieren. So hat zumindest Franz Stephan von Lothringen gedacht, der Gatte von Maria Theresia. Seine Hofgelehrten haben im Jahr 1751 mit einem Brennspiegel extrem hohe Temperaturen erzeugt, um genau diesen Trick auszuprobieren. Nur blöd: Bei Diamanten funktioniert das nicht.

Ein Diamant besteht aus Kohlenstoffatomen – so wie ein Stück Kohle oder die Mine vom Bleistift. Wenn du diese verschiedenen Kohlenstoffarten erhitzt und Sauerstoff dazukommt, passiert immer das Gleiche: Sie verbrennen. Es bleibt nur CO2 übrig. Die Diamanten im Brennspiegel haben sich also buchstäblich in Luft aufgelöst. Für den armen Franz Stephan war das sicher eine herbe Enttäuschung. Aus heutiger Sicht der Chemie ist das aber ganz leicht zu erklären.

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Die Chemie hat dazugelernt – und irgendwann haben es Forscher geschafft, Diamanten künstlich herzustellen. Zuerst waren das nur kleine Körnchen für Schleif- und Bohrmaschinen. In den letzten Jahren gelang es aber auch, große, lupenreine Diamanten für Schmuck im Labor zu züchten.

Echt, oder billige Kopie?

Aber ist so ein Stein dann wirklich ein "echter" Diamant oder doch nur eine billige Kopie? Viele von uns sind es gewohnt, alten Sachen mehr Wert zu geben als neuen Nachbauten. Eine jahrhundertealte Stradivari-Geige kostet mehr als eine moderne Kopie. Eine antike Marmorskulptur ist etwas Edleres als eine Statue aus Marmormehl aus dem 3D-Drucker. Muss dann nicht auch ein Diamant, der vor Milliarden Jahren tief im Gestein entstanden ist, etwas Besonderes, "Echteres" sein als einer aus dem Labor?

Eigentlich nicht. Ein Diamant ist laut Definition nichts anderes als eine regelmäßige Anordnung von Atomen. Er hat keine "Seele", kein geheimnisvolles Etwas, das ihn besonders macht. Bei Geigen oder Statuen gibt es echte Unterschiede im Material. Aber bei so klar definierten Atomen ist das anders. Der Quantenphysik ist es völlig egal, ob ein Teilchen aus dem Berg oder aus dem Hochdruckreaktor kommt. Diamant ist Diamant. Sogar Profis mit der Lupe können den Unterschied nicht erkennen.

Diamantenhändler haben ein Problem

Für Firmen, die mit Diamanten aus Minen handeln, ist das natürlich ein Problem: Wie rechtfertigt man den hohen Preis, wenn es wissenschaftlich gesehen keinen Unterschied zu günstigeren Labordiamanten gibt? Die Marketingabteilungen haben sich dazu einiges einfallen lassen. De Beers, einer der größten Diamantenkonzerne der Welt, brachte 2018 selbst Labordiamanten auf den Markt – aber ganz bewusst als bunten, billig wirkenden Schmuck. Damit wollte man offenbar Labordiamanten im Kopf der Leute mit "billigem Bling-Bling für Modeschmuck" verbinden.

Auch das Antwerp World Diamond Centre hatte die gleiche Idee. Es stellte einen Kaugummiautomaten auf, bei dem du für 5 Euro einen kleinen Labordiamanten in einer Plastikkugel ziehen konntest. Die Botschaft dahinter ist klar: Willst du wirklich einen Stein am Verlobungsring haben, den es auch im Kaugummiautomaten gibt?

De Beers verkauft auch Geräte, mit denen man "echte" Diamanten von Labordiamanten unterscheiden kann. Das funktioniert nur wegen winziger Fehler in der Kristallstruktur: Kein Diamant, egal ob aus dem Berg oder aus dem Labor, ist ganz perfekt. Manchmal ist statt eines Kohlenstoffatoms ein Stickstoffatom eingebaut. Je nachdem, wie der Diamant entstanden ist, kommen bestimmte Fehler häufiger vor. Das kann gemessen werden. Aber gerade diese Fehler, an denen man Diamanten aus der Mine erkennt, sind eigentlich unerwünscht. Man erkennt sie also nur an einer Eigenschaft, die man gar nicht haben will. Der perfekte Labordiamant und der perfekte natürliche Diamant sind definitionsgemäß genau gleich.

Dass Diamanten aus der Mine dennoch teurer sind als solche aus dem Labor, zeigt schön, wie irrational wir Menschen manchmal sind: Wir zahlen für etwas, das nichts mit besserer Qualität, Schönheit oder Haltbarkeit zu tun hat. Wir zahlen nur für ein Gefühl, das das eine Objekt besonders macht und das andere nicht.

Man könnte sagen: Ist doch menschlich! Eine Taschenuhr, die einmal Albert Einstein gehört hat, ist wertvoller als eine identische Uhr ohne spannende Geschichte. Im Mittelalter haben Menschen blutige Schlachten um wertvolle Reliquien geführt. Und eine Gitarre, die von The Who auf der Bühne zerschmettert wurde, ist begehrter als die von Onkel Franz, die beim Umzug unter den Lastwagen gekommen ist. Wir zahlen oft nicht für das Ding selbst, sondern für die Geschichte dahinter.

Aber: Manche Geschichten rund um den Diamantenhandel sind alles andere als schön. Da gibt es Berichte über Kinderarbeit, sklavenähnliche Zustände, organisierte Kriminalität und illegalen Handel zur Finanzierung von Kriegen. Für so etwas sollte man wirklich nicht zahlen. Die Geschichte vom wissenschaftlichen Fortschritt, der es heute möglich macht, Kohlenstoffatome ganz genau in eine Diamantstruktur zu bringen, ist da viel schöner.

Wahrscheinlich ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis es uns komisch vorkommt, diese schönen, funkelnden Steine, die man im Labor so faszinierend herstellen kann, extra aus dem Berg zu holen. Die Frage, ob das eine Kohlenstoffgitter irgendwie "echter" ist als das andere, wird uns irgendwann genauso seltsam vorkommen wie der Versuch, Diamanten einfach durch Hitze zusammenzuschmelzen.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 17.08.2026, 11:50, 17.08.2026, 11:49