Hossam Hassan witterte die große Messi-Verschwörung. Anders konnte sich Ägyptens Nationaltrainer diese für ihn himmelschreiende Ungerechtigkeit nicht erklären. "Vielleicht wollte man den Weltmeister im Wettbewerb behalten. Vielleicht wollte man, dass Messi weiter im Rennen bleibt", schimpfte Hassan bei BeIN Sports nach dem bitteren 2:3 im WM-Achtelfinale gegen Argentinien: "Das war ein manipuliertes Spiel und die ganze Welt hat es gesehen."
Das fulminante Comeback des Titelverteidigers, der in der Schlussviertelstunde durch die Tore von Cristian Romero (79.), Lionel Messi (83.) und Enzo Fernandez (90.+2) einen 0:2-Rückstand in einen Sieg verwandelte, hatte für Ägypten einen überaus faden Beigeschmack. Aus Sicht der Nordafrikaner wurde ihnen ein historischer Abend vom französischen Schiedsrichter Francois Letexier verdorben.
"Der Schiedsrichter war unfair und hat die Mühen einer ganzen Nation zunichte gemacht. Der Pokal wird Argentinien geschenkt", wütete Mostafa Zico, dessen erstes Tor (58.) "aus welchen Gründen auch immer" aberkannt worden war, wie Hassan meinte. Der einzige Streitfall war dies nicht.
Vor allem die spielentscheidende Szene versetzte den 59 Jahre alten Coach in Rage: "Ein Elfmeter für uns ist nicht einmal vom VAR gecheckt worden." Nach Ansicht der Ägypter habe es vor dem Siegtor durch Fernandez ein Foul an Hamdy Fathy im argentinischen Strafraum gegeben.
Hassan sah die Argentinier als Ursache, sie hätten "Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt", behauptete er und betonte, man habe ihn im Vorfeld "abgelehnt". Und weiter: "Wir hatten den Sieg verdient, aber wir haben keinen Respekt und kein Fair Play erfahren", ereiferte sich Hassan, "das Leben ist unfair, die Welt ist unfair, aber warum gibt es keine Fairness im Fußball, im Sport? Wir sind ungerecht behandelt worden." Der Ärger ging so weit, dass sich der ägyptische Verband sogar hochoffiziell bei der FIFA über die Spielleitung von Referee Letexier beschwert haben soll, berichtet die "AS". Außerdem verlange der Verband, dass Letexier für den Rest des Turniers gesperrt wäre.
"Alle strittigen Entscheidungen sind gegen Ägypten getroffen worden. Die negativen Emotionen, die da herauskommen, sind nachvollziehbar", meinte etwa auch der deutsche Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich bei "MagentaTV".
So endete ein eigentlich erfolgreiches Turnier für den siebenmaligen Afrikameister in Wut, Frust und Trauer. Dabei hatte Ägypten viele positive Geschichten zu erzählen, auch gegen Argentinien. Yasser Ibrahim (15.) und Zico (67.) hatten das Team mit ihren Treffern an der Sensation kratzen lassen.
Mit etwas Abstand könnte daher auch der Stolz überwiegen. Über Jahrzehnte war Ägyptens Geschichte bei Weltmeisterschaften schließlich von unerfülltem Potenzial geprägt gewesen. 1934 war man das erste afrikanische und arabische Land, das an einer WM teilnahm, schied jedoch früh aus. Danach dauerte es 56 Jahre, bis die "Pharaonen" zurückkehrten - bei der WM 1990 in Italien blieben sie ohne Sieg. Der dritte WM-Auftritt 2018 in Russland endete mit drei Niederlagen in der Gruppenphase. Bei der WM 2026 feierte Ägypten nun seinen ersten Sieg (3:1 gegen Neuseeland), überstand die Gruppenphase und das Sechzehntelfinale – und schrieb damit die Fußballgeschichte des Landes neu.
Es sind Bilder, die bleiben. Für Hassan sind sie vorerst genug. Sollte Messi mit Argentinien am 19. Juli wieder Weltmeister werden, wird er das erst im Nachgang erfahren. "Ich werde die Spiele dieser WM nicht weiter verfolgen und nicht mehr anschauen", sagte er: "Das ist meine Art, meine Stimme zu erheben."