Was mit einer Fernsehserie begann, endet heute regelmäßig in ausverkauften Instagram-Posts. Bianca May sitzt abends auf ihrem Sofa, Häkelnadel in der Hand – und ein neues Taschenmodell entsteht. "Häkeln hat etwas extrem Entspannendes. Nach einem stressigen Arbeitstag ist das mein Ausgleich", sagt sie. Ihr Hobby ist inzwischen zu einer gefragten Marke geworden.
Geboren in Graz, lebt Bianca seit 15 Jahren in Wien. Hauptberuflich ist sie Verkaufsleiterin bei einem Kosmetikkonzern – ein Job mit Tempo, Verantwortung und Termindruck. Doch Mode war immer schon Teil ihres Lebens. "Ich habe Textileinzelhandelskauffrau gelernt, meine Mama ist Schneiderin. Fashion war bei uns zuhause einfach präsent", sagt die 47-Jährige.
Der eigentliche Startschuss fiel 2022 – und zwar vor dem Fernseher. Die Wienerin schaute die letzte Folge von "Sex and the City". Carrie Bradshaw trägt darin eine gehäkelte Tasche. "Die hat mir so gut gefallen. Ich dachte mir: Häkeln kann ich, ich bin handwerklich begabt – warum probiere ich das nicht?", sagt May.
Gesagt, getan. Ihr Label nannte sie "Blumenfrucht". Die erste Tasche war noch ein Experiment, das zweite Projekt wurde ein Bestseller: die Yasmin-Bag. "Die kam so gut an, sie war in Sekunden verkauft. Da hatte ich plötzlich die Idee: Vielleicht kann das mehr sein", erzählt die Wienerin.
Heute entwirft die Designerin alle ihre Taschen selbst – ohne Vorlage. "Die Modelle entstehen aus dem Kopf heraus. Oft braucht es mehrere Anläufe, bis eine Tasche wirklich steht. Dann ändere ich Häkeltechniken, bessere aus, fange neu an", erklärt sie.
Je nach Modell steckt sie sechs bis 24 Stunden Arbeit in eine Tasche. Besonders gefragt ist aktuell die Bubble-Bag – gleichzeitig auch das aufwendigste Modell. "Die dauert fast einen ganzen Tag." Verwendet werden ausschließlich recycelte Materialien: Baumwolle, Kunststoff, alles in Europa eingekauft. Jede Tasche ist handgemacht, jedes Stück ein Unikat.
Der Verkaufsprozess ist fast so charmant wie simpel: Bianca häkelt, fotografiert die fertige Tasche, lädt das Bild auf Instagram – und meist ist sie kurz darauf weg. Relativ neu ist ihr Onlineshop, auf dem Kundinnen aus mittlerweile zehn Modellen wählen können. Farben sind frei wählbar, auch die Träger können angepasst werden. "Ich gehe gern auf Wünsche ein. Das Persönliche ist mir wichtig", sagt May.
Preislich liegen die Taschen zwischen 95 und 220 Euro. Im Schnitt verkauft sie zwei bis drei Stück pro Woche – zusätzlich zu ihren Auftritten auf Design- und Kunstmärkten in Wien, Niederösterreich und der Steiermark, wo May viermal jährlich präsent ist.
Neue Designs sind bereits in Arbeit, außerdem plant die Wienerin eine Kollektion für Männer. Und dann wäre da noch eine neue Leidenschaft: Stricken. "Ich kann mir gut vorstellen, Westen oder Hoodies zu machen – passend zu den Taschen", sagt May.