"Amoi verkleiden, bitte" – der neue Supermarkt-Alltag

Kein Aprilscherz: Der Supermarkt meines Vertrauens weist mich bereits heute – freundlich, aber bestimmt – auf die Maskenpflicht hin. Es folgt ein Hürdenlauf. Einkaufsbericht von Clemens Oistric
"Ab heute sind wir Maske", titelt "Heute" heute. Wie jeden Tag hab' ich das E-Paper selbstverständlich noch im Bett am Handy durchgeblättert. Wie jeden Tag bin ich in der Früh spät dran. Denk mir – aja, Masken, muss ich mir auch noch zulegen bis zum 6.4. (dann sind sie verpflichtend) und schiebe den Gedanken rasch wieder beiseite.

"Tschuidigen, bittschen …"

Zähneputzen, die immer länger werdenden Haare notdürftig bändigen – auf Ö3 schmettert Falco "Vienna Calling". 8.20 Uhr – für mich ruft die Arbeit. Ich starte das Auto, breche Richtung Newsroom auf und halte kurz beim Supermarkt meines Vertrauens. Wie jeden Tag. Spätestens jetzt beim Aufschreiben wird mir bewusst, wie sehr Gewohnheiten unser Leben prägen. Zumindest meines. Denn als ich gedankenverloren, an den Wagerln vorbei, in das Geschäfte eile, reißt mich ein höfliches, aber bestimmtes "Tschuidigen, bittschen" vom iPhone-Bildschirm los.

Maskenfrühstück mit der Spaghetti-Zange

Ich schaue vom Handy auf. Zu meiner Rechten steht (nicht wie jeden Tag) ein Supermarktmitarbeiter mit Gesichtsmaske und Latex-Handschuhen. "Amoi verkleiden, bitte! Wissen's eh, wegen dem Corona", sagt der Herr freundlich. Ich schau ihn verdutzt an. "Hoben's den Kanzler ned im Fernsehen gesehen?" Ich nicke müde und will einen Schritt auf den Verkäufer, der eine Großpackung Masken in der Hand hält, zugehen. Er weicht fachmännisch zurück (1-Meter-Sicherheitsabstand!) und fingert mit einem grenzchirurgischen Instrument – meine Mutter hat mit solchen Teilen immer die Spaghetti ausgegeben – in seiner Großpackung Masken und hält mir eine hin. "Bitte über Mund und Nase ziehen, nachher nicht auf den Boden schmeißen – ist wiederverwendbar." Der Verkäufer klingt so, als hätte er diesen Satz heute nicht zum ersten Mal abgespult.

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Beschlagene Brillen, Plastikhandschuh

Also gut. Ich adjustiere mich notdürftig. Das Teil vom Supermarkt meines Vertrauens (Modell babyblau, passt praktischerweise zum Hemd) hat einen Drahtbügel – da sollte also die Nase sein. Auf halbem Weg zum Gebäck sind die Brillen vollends beschlagen. Aber Augen zu und durch. Beim Gebäck werde ich hingewiesen, dass zusätzlich zur Zange ein Einweghandschuh anzulegen sei. Ich meistere diese Hürde besser als die erste und sacke dann, dreieinhalb Minuten nach Betreten des Geschäfts, das Objekt der Begierde ein. Eine zartblättrige Topfengolatsche um wohlfeile 99 Cent. Dass die nicht mit Staubzucker bestäubten zartblättrigen Golatschen heute schon vergriffen sind, darüber wage ich mich nicht einmal gedanklich zu mokkieren. Man kann nicht alles haben.

Falsche Montage auf Insta enttarnt

Bei der Kassa dann das – wie jeden Tag – freundliche Nicken vom Kassierer (hinter Plexiglas, mit Mundschutz und Latexhandschuhen). Die Topfengolatsche muss ich nicht auf das Förderband legen, ich zahle kontaktlos, schmeiße die Maske nicht auf den Boden (weil wiederverwendbar) und poste ein Selfie auf Instagram. Keine gute Idee. Als ich im Büro zum Verzehr der zartblättrigen Topfengolatsche mit Staubzucker ansetzen will, poppt eine Privatnachricht auf. "In der Zeitung 'Heute'habe ich gelesen, dass die Maske übers Kinn gezogen werden muss." Touché.

Ja, morgen Früh setzte ich im Bett, beim E-Paper-Studium, die Brille auf. Ohne Maske, damit sie nicht beschlägt. Ich werde aufmerksam alle neuen Regeln durchgehen. Wenn ich das alles erledigt habe, werde ich spät dran sein. Wie jeden Tag.

Vielleicht spielt mir Robert Kratky "Don't stop believin".

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Ein Video zur Maskenpflicht:



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