Gewalt gegen Frauen hat nicht nur schwerwiegende Folgen für die Betroffenen selbst, sondern wirkt sich offenbar auch auf die Suizidrate eines ganzen Landes aus. Das zeigt eine neue Studie der Medizinischen Universität Wien, die Daten aus 37 Ländern der WHO-Europaregion ausgewertet hat.
Bisher war bereits bekannt, dass Frauen, die Gewalt erleben, häufiger psychisch erkranken und ein höheres Risiko für Suizidgedanken oder Suizidversuche haben. Die aktuelle Untersuchung zeigt nun erstmals, dass sich dieser Zusammenhang auch auf Bevölkerungsebene nachweisen lässt.
Die Forscher verglichen den sogenannten "Violence against Women Index" (VAWI), der das Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt misst, mit den weiblichen Suizidraten in den einzelnen Ländern. Berücksichtigt wurden dabei auch Faktoren wie Wirtschaftskraft, Arbeitslosigkeit, Gesundheitsversorgung und Kriminalität.
Das Ergebnis: Länder mit höheren Werten bei geschlechtsspezifischer Gewalt verzeichnen auch höhere Suizidraten bei Frauen.
Wenn du unter Suizidgedanken, Depressionen oder anderen Ausnahmesituationen leidest, bietet die Telefonseelsorge unter der Nummer 142 von 0-24 Uhr kostenlos und anonym schnelle Unterstützung.
Weitere Ansprechstellen für Betroffene:
Kriseninterventionszentrum Wien: 01/40 69 595
Rat auf Draht: 147
Weisser Ring - Verbrechensopferhilfe: 0800 / 112 112
"Dieses Ergebnis könnte sich aus den Unterschieden in der Erfassung von Gewalt gegen Frauen und von Suiziden zwischen den Ländern erklären. Beide Faktoren können statistische Analysen auf Bevölkerungsebene beeinflussen", erklärt Co-Studienleiter Daniel König-Castillo.
Die Unterschiede innerhalb Europas sind deutlich. Während Norwegen mit einem VAWI-Wert von 0,035 den niedrigsten Wert aufweist, liegt Moldawien mit 0,292 an der Spitze. Bei den weiblichen Suizidraten reicht die Spannweite von 1,24 Todesfällen pro 100.000 Frauen in Griechenland bis zu 8,54 in Belgien.
Österreich liegt beim Gewaltindex mit einem Wert von 0,096 zwar im unteren Bereich. Dennoch ist die weibliche Suizidrate mit 5,74 Todesfällen pro 100.000 Frauen vergleichsweise hoch.
Weltweit ist laut Weltgesundheitsorganisation etwa jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen. Die Autoren der Studie sehen deshalb Handlungsbedarf – nicht nur beim Opferschutz, sondern auch bei der Datenerhebung.
"Gleichzeitig macht unsere Studie deutlich, wie wichtig eine möglichst vollständige und international vergleichbare Datenerhebung ist. Gewalt gegen Frauen und Suizide werden nach wie vor nicht überall gleichermaßen erfasst. Verbesserungen in diesem Bereich würden nicht nur die Datenlage für weitere Forschung stärken, sondern auch dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren und die Planung von gezielten Präventionsmaßnahmen zu erleichtern", sagt Studienleiter Stephan Listabarth.