Es ist eines der größten Verkehrsprojekte Europas: Die Rail Baltica soll Tallinn, Riga und Kaunas über eine neue Bahnstrecke mit Polen und dem restlichen europäischen Schienennetz verbinden. Doch beim Bau des Mega-Projekts läuft längst nicht alles nach Plan.
Die rund 870 Kilometer lange Strecke durch Estland, Lettland und Litauen soll in der europäischen Normalspur von 1.435 Millimetern errichtet werden. Im Baltikum fahren die Züge bisher großteils auf der aus der Zaren- und Sowjetzeit stammenden Breitspur von 1.520 Millimetern.
Genau das erschwert direkte Zugverbindungen nach Polen und Westeuropa. Die Rail Baltica soll diese Trennung beenden. Personenzüge sollen später mit bis zu 249 km/h fahren. Für die rund 1.600 Kilometer lange Reise von Tallinn nach Berlin sind etwa zwölf Stunden vorgesehen. Aktuell braucht man von Warschau nach Tallinn 17 Stunden, mit der Rail Baltica sollen es nur mehr 6:50 sein. Vilnius-Tallinn soll statt elf Stunden nur mehr 3:40 dauern.
Ursprünglich sollte das Projekt nur wenige Milliarden Euro kosten. Eine Schätzung aus dem Jahr 2017 ging noch von 5,79 Milliarden Euro aus. Inzwischen werden allein für die erste Ausbaustufe rund 15,3 Milliarden Euro veranschlagt.
Der vollständige Ausbau nach 2030 könnte sogar 23,8 Milliarden Euro kosten. Damit wäre das Projekt etwa viermal so teuer wie zunächst angenommen. Einen Großteil der Finanzierung übernimmt die Europäische Union.
Auch beim Zeitplan gab es mehrere Verschiebungen. Erste Planungen sahen eine Fertigstellung bereits 2015 vor. Später wurden 2020, 2023 und 2026 als mögliche Zieljahre genannt. Nun soll eine abgespeckte erste Ausbaustufe im Jahr 2030 in Betrieb gehen.
Damit dieses Ziel überhaupt erreichbar bleibt, wurde das Projekt aufgeteilt. In der ersten Phase soll die Strecke teilweise nur eingleisig betrieben werden. Große Bahnhöfe und Zubringer könnten zunächst fehlen oder nur eingeschränkt angebunden werden.
Betroffen ist unter anderem Vilnius. Die litauische Hauptstadt liegt abseits der Hauptstrecke und soll später über eine eigene Verbindung angeschlossen werden.
Auch in Riga entstehen zwar bereits ein neuer Zentralbahnhof und eine Station beim Flughafen. Die neue Bahnstrecke könnte diese Gebäude aber erst Jahre nach ihrer Fertigstellung erreichen. In Lettland befinden sich große Teile der eigentlichen Trasse weiterhin in Planung.
Am weitesten fortgeschritten sind die Arbeiten laut dem aktuellen Projektstand in Estland. Dort hält die Regierung eine Fertigstellung ihres Abschnitts 2030 oder 2031 weiterhin für möglich.
In Litauen wird bereits über das Jahr 2033 gesprochen. Als größtes Sorgenkind gilt Lettland. Vor allem beim Abschnitt nördlich von Riga in Richtung Estland fehlen sichtbare Fortschritte. Experten bezweifeln daher, dass 2030 durchgehend Züge rollen können.
Immerhin gibt es beim künftigen Betrieb Bewegung: Im März 2026 einigten sich die Bahngesellschaften der drei baltischen Staaten auf eine gemeinsame Beschaffung neuer Züge. Geplant sind bis zu 20 elektrische Garnituren mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 km/h.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die Rail Baltica zusätzlich an strategischer Bedeutung gewonnen. Die Strecke soll nicht nur Reisende und Waren transportieren, sondern im Ernstfall auch Truppen und militärisches Material schneller an die NATO-Ostflanke bringen.
Besonders wichtig ist dabei die sogenannte Suwalki-Lücke zwischen Litauen und Polen. Der nur etwa 70 Kilometer breite Korridor liegt zwischen Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad. Er ist die einzige Landverbindung zwischen den baltischen Staaten und den übrigen NATO-Ländern.
Ein Zug mit 40 Waggons könnte auf der neuen Strecke einen rund sechs Kilometer langen Militärkonvoi auf der Straße ersetzen. Gleichzeitig könnten bei einer Krise Tausende Zivilisten schneller in Richtung Westen gebracht werden.