"Meine Kinder mussten wegen Corona ins Spital"

Der 7-jährige Tim erkrankte Anfang März 2020 schwer an Corona. Die Ärzte merkten es nicht.
Der 7-jährige Tim erkrankte Anfang März 2020 schwer an Corona. Die Ärzte merkten es nicht.Privat
Noch bevor der erste offizielle Corona-Fall die Schweiz erreichte, erkrankten Salomes Kinder schwer. Heute leiden sie unter den Langzeitfolgen.

Kinder, die sich mit dem Coronavirus anstecken, kommen meistens mit einem blauen Auge davon. Schwere Verläufe und Langzeitfolgen sind selten – doch auf die leichte Schulter nehmen sollte man die Infektion nicht. Immer wieder wird vor heftigen Verläufen bei Heranwachsenden, wie der Entzündungsreaktion PIMS berichtet. Salome* weiß genau, wovor die Gesundheitsfachleute warnen: Ihre Kinder gehören zu den wohl ersten Corona-Fällen in der Schweiz.

Nora* (12) steckte sich vermutlich Anfang Februar 2020 im Skilager an – der erste offizielle Fall hierzulande wurde jedoch erst am 25. Februar gemeldet. Nora erkrankte schwer und bis heute geht der sportlichen Siebtklässlerin beim Treppensteigen die Luft aus. Ihr kleiner Bruder Tim* (7) hatte so heftige Symptome, dass der ratlose Kinderarzt gar Verdacht auf Leukämie äußerte. Beide Kinder mussten ins Spital. Gegenüber 20 Minuten schilderten Salome und Nora ihre Geschichten.

"Ich bin mehrmals in Ohnmacht gefallen" - Nora (12)

"Im Februar 2020, damals war ich elf Jahre alt, war ich in einem Jugend-Skilager. Im gleichen Skigebiet waren viele asiatische Touristen. Wir sind zusammen Gondel gefahren und haben im gleichen Restaurant gegessen. Ich habe dem damals keine Bedeutung geschenkt. Aber vermutlich habe ich mich da angesteckt.

Als ich nach Hause kam, ging es mir schlecht, ich hatte Schüttelfrost. Beim Treppensteigen musste ich keuchen und um Atem ringen. Meine Mutter lief hinter mir. In meinem Zimmer brach ich vor ihren Augen zusammen und wurde ohnmächtig. Ich erinnere mich nicht mehr daran, ich war völlig plemplem vom Fieber. 40,5 Grad maß meine Mutter. Sie gab mir fiebersenkende Medikamente. Am nächsten Tag brachte sie mich ins Spital.

Die Ärztinnen und Ärzte im Spital sprachen von einer Grippe, einer Lungenentzündung. Aber eine Grippe ist nicht dasselbe, bei einer Grippe fällt eine gesunde Elfjährige doch nicht immer wieder in Ohnmacht? Meine Mutter sagt, sie hätte mich noch nie so krank gesehen.

Leider geht es mir auch heute noch nicht gut. Ich gerate rasch außer Atem, wenn ich mich bewege, und auch meine Lunge schmerzt immer noch ab und zu. Mein Arzt hat mich vom Turnen dispensiert, und ich bin froh darum. Viele meiner Freunde aus dem Skilager sind übrigens zeitgleich mit ähnlichen Symptomen erkrankt. Die Vermutung, dass ich Corona hatte, bestätigte sich im Frühling, als ich im Spital einen Antikörper-Test machen ließ. Leute, nehmt dieses Virus nicht auf die leichte Schulter!"

"Mein Sohn musste mit der Ambulanz ins Spital" - Salmone

"Anfang März erkrankte mein Sohn Tim, damals sechs Jahre alt, schwer. Wahrscheinlich hatte er sich bei Nora angesteckt. Tim hatte hohes Fieber und Halsschmerzen. Ich ging mit ihm zum Kinderarzt. Dieser äußerte den Verdacht auf Angina und verabreichte Antibiotika. Gegen seinen schweren Husten inhalierte Tim regelmäßig Medikamente. Nach zehn Tagen ging es ihm besser und er ging zurück in den Kindergarten – allerdings nur für einen Tag, danach wurden die Schulen schweizweit geschlossen. Ich dachte, Tim sei über den Berg. Doch am 12. April 2020 hatte Tim plötzlich Hautausschläge, es sah aus wie Nesselfieber. Ich verabreichte ihm ein Antiallergikum. Die roten Flecken verschwanden aber nicht, sondern breiteten sich aus. Als keine Besserung eintrat, erhielt Tim vom Kinderarzt Cortison. Auch damit verschwanden die Flecken immer nur kurz, um danach noch stärker zurückzukommen.

Am 15. April hatte Tim plötzlich Fieber und Atemnot. 'Mama, ich kriege keine Luft mehr', sagte er. Sein Hautausschlag hatte sich verändert, die Flecken sahen aus wie Blutergüsse, waren bläulich geworden. Als Pflegehelferin vermutete ich eine Entzündung der Blutgefäße. Ich war alarmiert und meldete mich bei Medgate, diese boten umgehend Ambulanz und Notarzt auf. Der Notarzt legte Tim einen Venenzugang für eine Infusion, danach fuhren wir ins Spital. Die Behandlung war enttäuschend: Die Chefärztin vermutete eine Allergie und scherzte mit meinem verängstigten Sohn, er könne ja später eine Heldengeschichte daraus machen und behaupten, er hätte Corona. Ich dachte, ich höre falsch! Ein Blutbild oder ein Röntgenbild der Lunge wurden nicht gemacht, geschweige denn ein (damals noch rarer) Corona-Test. Die Ärztin erhöhte die Cortisondosis und schickte uns wieder nach Hause.

Zurück beim Kinderarzt machten wir verschiedene Allergietests, mein Sohn musste ständig Blut abzapfen. Alle Tests waren negativ. Weil auch ihn die blauen Flecken beunruhigten, äußerte der Kinderarzt den Verdacht auf Leukämie. Wieder musste sich Tim stechen lassen. Die Woche, bis wir das Resultat hatten, saßen wir wie auf Nadeln. Gottseidank war der Befund negativ.

Nach einer Weile ging es Tim besser. Im Mai machten wir einen Antikörper-Test und das Resultat war eindeutig: Wie Nora hatte auch Tim eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht.

Heute ist mein Kleiner körperlich wieder fit. Psychisch aber hat die Krankheit Spuren hinterlassen: Tim ist verunsichert, braucht viel Rückhalt. Ich glaube, er hat ein Trauma: Wenn wir in der Familie über Corona sprechen, kommt es vor, dass er in Tränen ausbricht und davonläuft."

*Name geändert

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