Unter der Kidd Creek Mine in der kanadischen Provinz Ontario entweicht ein Gas, das lange kaum jemand beachtete: natürlicher Wasserstoff. In der Branche nennt man ihn "weißen" Wasserstoff – er entsteht nicht industriell, sondern direkt im Gestein.
Forschende der Universitäten Toronto und Ottawa haben nun eine umfangreiche Studie im Fachmagazin PNAS veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Die Mine gibt jährlich mehr als 140 Tonnen Wasserstoff frei – genug Energie, um rechnerisch 400 Haushalte ein ganzes Jahr lang zu versorgen.
Wie focus.de berichtet, entnahmen die Wissenschafter Proben aus 35 Bohrlöchern in bis zu 2,9 Kilometern Tiefe. Sie maßen die Ausströmungsraten über elf Jahre hinweg. Pro Bohrloch treten im Schnitt ein bis drei Liter Gas pro Minute aus. Hochgerechnet auf die knapp 15.000 Bohrlöcher ergibt sich die hohe Gesamtmenge.
Der Wasserstoff ist das Ergebnis jahrmillionenalter Geochemie. Zwei Prozesse spielen dabei die Hauptrolle: Bei der Serpentinisierung reagiert Wasser mit eisenhaltigen Mineralien. Bei der Radiolyse spaltet radioaktive Strahlung Wassermoleküle im Gestein auf. Das freigesetzte Gas sammelt sich in Hohlräumen und steigt langsam nach oben.
Die Kidd Creek Mine liegt im Abitibi-Grünsteingürtel – einem der ältesten Gesteinskomplexe der Erde, rund 2,7 Milliarden Jahre alt. Dieses uralte Gestein scheint besonders ergiebig zu sein.
Besonders interessant: Die Mine fördert ohnehin Kupfer, Silber und Zink. Die Infrastruktur ist also vorhanden. "Natürlicher Wasserstoff entsteht in denselben Gesteinen, in denen sich Kanadas Nickel-, Kupfer- und Diamantvorkommen befinden", erklärt Forscher Oliver Warr.
Ein unerwarteter Nebeneffekt: Der Wasserstoff tritt häufig gemeinsam mit Helium auf – einem weltweit knappen Rohstoff. Wer Wasserstoff erschließt, könnte also gleich zwei begehrte Ressourcen gewinnen.
Trotz der Ergebnisse mahnen Fachleute zur Vorsicht. 140 Tonnen pro Jahr reichen für industrielle Großverbraucher wie Stahlwerke nicht annähernd aus. Der weiße Wasserstoff könnte aber ein zusätzlicher Baustein im Energiemix werden – etwa für dezentrale, lokale Energiesysteme.