Mit 66 Jahren veröffentlicht Steven Patrick Morrissey nach sechs Jahren Pause überraschend sein neues Soloalbum. Der ehemalige Frontmann der The Smiths, einst Meister melancholischer Poppoesie, bleibt stimmlich ein Wunder: Seine Stimme schwingt, tanzt, windet sich durch Pirouetten und Arabesken, von denen andere nur träumen können. Doch musikalisch ist das neue Werk leider weit weniger beeindruckend.
Die zwölf Songs des Albums pendeln zwischen zähem Rock, müden Funk-Riffs und pathetischen Balladen. Schon die gleichnamige Vorabsingle "Make-Up Is A Lie" ließ Schlimmes erahnen: Wiederholungen und inhaltliche Flachheit prägen den Refrain.
"You’re Right, It’s Time" eröffnet das Album mit dramatischem Pathos, während Stücke wie "Headache", "Boulevard" oder "Lester Bangs" zwar stimmlich glänzen, melodisch aber kaum fesseln.
Selbst die Coverversion von Roxy Musics "Amazona" sticht als Highlight hervor – ein Zeugnis dafür, wie schwach Morrisseys eigenes Songwriting derzeit wirkt.
Textlich bleibt das Album ambivalent bis problematisch. Morrissey greift immer wieder politische und kontroverse Themen auf, etwa in "Notre-Dame", und seine Texte drehen sich häufig um Zensur, Nationalismus oder das große Ich.
Nostalgische Reminiszenzen an seine Jugendjahre und den Herzschmerz als junger Mann ("Many Icebergs Ago") wirken zwar charmant, können aber den durchweg pathetischen Unterton nicht aufwiegen.
Produktionsseitig liefern Morrisseys langjährige Mitstreiter Jesse Tobias und Alain Whyte solide Gitarrenarbeit, doch beim Songwriting wirken sie ratlos. Selbst erfahrene Hände wie Produzent Joe Chiccarelli (The Strokes, The White Stripes, Weezer, My Morning Jacket) können das Album nicht zu einem stimmigen Ganzen formen.
Das Werk schwankt zwischen ambitioniertem Versuch, alte Stärken zu reaktivieren, und der bitteren Realität eines Künstlers, dessen Aura von der öffentlichen Persona überschattet wird.
Für Fans der frühen Jahre bleibt Morrisseys Stimme ein Juwel. Die Songs selbst aber verfehlen den einstigen Zauber, der Smiths- und Solo-Werke unvergesslich machte. Das neue Album zeigt: Morrissey ist stimmlich noch immer brillant, inhaltlich und melodisch aber oft irrelevant, gefangen zwischen Genie und Verbitterung.
Fazit: Stimme: Weltklasse. Melodien: mau. Texte: kontrovers. Nostalgie: vorhanden, aber nicht genug, um den alten Zauber zurückzubringen. Wer Morrissey liebt, hört hin – wer auf frische Popideen hofft, wird enttäuscht.