Natascha Kampusch isst jetzt vegan und lehnt Tinder ab

Natascha Kampusch im Jahr 2020.
Natascha Kampusch im Jahr 2020.Isabelle Ouvrard / SEPA.Media / picturedesk.com
15 Jahre nach ihrer Flucht spricht Natascha Kampusch offen über ihr neues Leben, die Dating-App Tinder und warum sie nicht mehr mit der U-Bahn fährt.

Natascha Kampuschs Geschichte berührte die Welt. Als zehnjähriges Mädchen entführt, musste sie 3.096 Tage in Gefangenschaft in einem winzigen Kellerabteil verbringen, ehe ihr 2006 die Flucht gelang. Seither sind 15 Jahre vergangen – durch die Corona-Pandemie muss sie erneut in Isolation leben.

In einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit der "Kronen Zeitung" zieht Natascha Kampusch, darauf angesprochen, Parallelen zwischen einst und jetzt: "Mit dieser Situation bin ich gut vertraut. Der plötzliche Verlust der Freiheit, die Einsamkeit, die Ohnmacht, wenn das Leben von einem Moment auf den anderen ganz anders ist und die Gedanken kreisen".

Durch ihre schrecklichen Erfahrungen im Kindesalter könne sie jetzt damit viel besser umgehen als andere. Sie verstehe auch die Verzweiflung der Menschen, so die 33-Jährige: "Nur nützt das Auflehnen nicht".

Besuche im Priklopil-Haus

Einmal im Monat besucht sie dennoch das frühere Haus des Täters Wolfgang Priklopil in Strasshof bei Gänserndorf, östlich von Wien. Ein Teil wurde ihr nach dessen Ableben als "Entschädigung" zugesprochen, den anderen Teil kaufte sie Priklopils Mutter ab. Ihr früheres Keller-Verlies wurde mit Beton aufgefüllt.

"Es ist ein fremder und zugleich vertrauter Ort, für den ich die Kosten trage. Und um den ich mich kümmern muss. [...] Ich weiß noch nicht, was ich damit tun werde. Ich will ja auch nicht, dass irgendjemand etwas Komisches damit tut."

Mit der Frage nach dem "Warum" ihrer Entführung hat sie abgeschlossen, eine Antwort gibt es bis heute nicht: "Ich habe viel darüber nachgedacht. [...] Und für mich ist es gut ausgegangen. Ich bin frei gekommen. Damit ist es für mich erledigt."

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"Essen war Freiheit und Trost"

Kampusch  selbst lebt nun in einer Wohnung in Wien. Den Haushalt führe sie ohne fremde Hilfe und plant nun auch ihre Ernährung von vegetarisch auf vegan umzustellen, "weil man gar nicht anders kann, wenn man Tiere liebt". Die industrielle Milchwirtschaft und schlechten Umgang mit Tieren wolle sie nicht mehr unterstützen.

Das Thema Übergewicht, weswegen sie oft angefeindet wurde, lässt sie mittlerweile kalt: "Schauen Sie, ich war eigentlich ein dünnes Kind, eigentlich sehr zart. [...] In der Gefangenschaft war Nahrungsentzug ein Machtmittel. Ich habe immer Hunger gehabt und wog gerade einmal 38 Kilo."

Nach ihrer Flucht sei Essen Freiheit und Trost zugleich gewesen. "Erst durch das Übergewicht, das ich jetzt habe, sehe ich, wie egal es eigentlich ist. Man kann sich ja trotzdem nett anziehen." 

Anfeindungen in der Öffentlichkeit

Trotz allem hängt der düstere Schatten der Vergangenheit immer noch über ihr. "Einmal pro Woche gehe ich zur Gesprächstherapie. Oder öfter, wenn mich etwas sehr belastet", schildert Kampusch. Nach all den Jahren kommt es immer noch zu Konfrontationen, Anfeindungen und Zuschreibungen von außen, die sie mal mehr mal weniger mitnehmen.

Ihr Alltag sei geprägt davon, anemotionalisiert, angepöbelt oder unangenehm angeflirtet zu werden. Deshalb habe sie auch das U-Bahn-Fahren in Wien schon 2007 aufgegeben. 

Ist Familiengründung ein Thema? 

"Ich fühle mich wohl, so, wie es ist, und habe keinen Druck oder Angst. Weder vor Nähe und auch nicht vor dem Alleinsein". Die Frage sei nur: Wo findet man einen Mann, der zu einem passt? "Von Tinder halte ich ja gar nichts", scherzt sie im Interview. "Die sind dort alle so schön und erfolgreich, da fällt mir die Auswahl schwer. Außerdem: Die Männer kennen mich meist, ich sie aber nicht."

Natascha Kampusch lässt sich trotz aller Widrigkeiten nicht unterkriegen. "Sind Sie glücklich?", lautete die letzte Frage im "Krone"-Interview. Antwort: "Ich glaub' schon."

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