Neos orten große Not bei Kassen-Kinderärzten

Kinderärztin Monika Peter und Edith Kollermann (Neos)
Kinderärztin Monika Peter und Edith Kollermann (Neos)Neos
Die kinderärztliche Versorgung auf Kasse sei am absoluten Limit. Im südlichen NÖ stehe für 9.000 Kinder nur ein Arzt zur Verfügung.

In Niederösterreich gibt es immer weniger Kinderkassenärztinnen und -ärzte für immer mehr Kinder - das kritisieren jetzt die nö. Neos. Als Beispiel führt Neos-Gesundheitssprecherin Edith Kollermann das südliche Niederösterreich mit den Bezirken Baden, Wiener Neustadt und Neunkirchen an.

"Betreuungsverhältnis nicht akzeptabel"

„Das Betreuungsverhältnis in der Region ist inakzeptabel, denn für 45.000 Kinder bis 14 Jahre stehen in der Region nur fünf Kinderkassenarztpraxen zur Verfügung. Das bedeutet ein Betreuungsverhältnis von 1:9.000. Dass das nicht zu bewerkstelligen ist, dürfte jedem klar sein. Trotzdem wiederholt die ÖGK gebetsmühlenartig, dass alle Planstellen besetzt sind, anstatt darüber nachzudenken, ob das Bevölkerungswachstum der letzten Jahre weitere Planstellen notwendig macht“, kritisiert Kollermann.

Kritische Evaluierung gefordert

Derzeit unternehme die Kasse jedenfalls viel zu wenig, um eine zufriedenstellende Versorgung sicherzustellen, so die Neos. Kollermann fordert deshalb eine kritische Evaluierung der Planstellen. Darüber hinaus müssten auch alternative Konzepte Beachtung finden, sollten diese die Versorgung verbessern, wie Kollermann nach einem Austausch mit der Wiener Neustädter Kinderärztin Dr. Monika Peter festhält.

„Seit 2019 bemüht sich Dr. Peter um die Errichtung eines Ambulatoriums, um den enormen Andrang auf ihre Praxis abzufedern, erhält aber keinerlei Unterstützung. Damit wird auch die Kindermedizin im Land zunehmend zur Zweiklassenmedizin“, so die Gesundheitssprecherin.

Auch in St. Pölten fehlen Kinderärzte

Seitens der Ärztekammer NÖ heißt es auf "Heute"-Anfrage, dass die Medizinerin bisher keinen Antrag für ein Ambulatorium gestellt habe. Aber auch bei der Ärztekammer sehe man prinzipiell ein Problem mit Kinderärzten: "Wir haben sie einfach nicht", so eine Sprecherin.

Auch in der Landeshauptstadt sei die Situation laut den Neos trist. Aktuell sind gleich vier Planstellen für Kinder- und Jugendheilkunde vakant. Eine Stelle wird bereits seit Herbst 2016 ausgeschrieben.

Kasse kontert Kritik

"Wir haben den Auftrag und die Intention, eine sehr gute medizinische Versorgung sicherzustellen und wir setzen zahlreiche Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen. Der Vorwurf, dass wir zu wenig unternehmen, ist völlig aus der Luft gegriffen", so Barbara Mann, Sprecherin der Österreichischen Gesundheitskasse, auf "Heute"-Anfrage.

Vorweg sei festzuhalten: "Die Österreichische Gesundheitskasse hat die Zahl der Planstellen im Fachbereich Kinder- und Jugendheilkunde in den letzten Jahren ausgeweitet. Mit österreichweit rund 300 Kassenplanstellen in diesem Fachbereich gibt es so viele Stellen wir noch nie zuvor. Wir sehen aber, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber um frei werdende Kassenstellen abnimmt und wir manchmal Stellen mehrfach ausschreiben müssen, bis sich eine Medizinerin bzw. ein Mediziner für die Planstelle findet", heißt es seitens der ÖGK.

Die Medizinerin mit der Neos-Politikerin
Die Medizinerin mit der Neos-PolitikerinNeos

Nachbesetzungen schwierig

Die Hauptgründe für diese Nachbesetzungsschwierigkeiten würden nicht zuletzt in der universitären Ausbildung der Medizinerinnen und Mediziner liegen. An den heimischen Universitäten werden immer weniger Kinderärztinnen und Kinderärzte ausgebildet. Ausbildungsplätze zur Fachärztin bzw. zum Facharzt für Kinderheilkunde seien oft nur sehr schwer zu bekommen. "Wir hören immer wieder von interessierten Jungmedizinerinnen und Jungmedizinern, die sich mehrmals ergebnislos um einen Ausbildungsplatz im Bereich Kinder-und Jugendmedizin bewerben. Schließlich entscheiden sie sich oft frustriert für eine andere Berufslaufbahn", erklärt Mann.

Und weiter: "Unser Ziel ist es, eine ausreichende flächendeckende Versorgung für Kinder und Jugendliche sicherzustellen und vakante Stellen rasch wieder zu besetzen. Dafür haben wir unsere Kassenverträge attraktiver gestaltet und mehr an die Lebensrealität der Ärztinnen und Ärzte angepasst. Das gilt auch und besonders für den Fachbereich Kinder- und Jugendmedizin. Durch verschiedene Gruppenpraxismodelle oder der Anstellungsmöglichkeit haben wir unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit geschaffen und Teilzeitmöglichkeiten eingeführt, die alle dazu geeignet sind, die Work-Life-Balance unserer Kassenärztinnen und Kassenärzte zu steigern."

"Wir zahlen sehr gutes Geld für wertvolle Arbeit"

Auch was die Honorierungen betrifft, habe die Gesundheitskasse vieles ermöglicht. "Wir zahlen sehr gutes Geld für wertvolle Arbeit. Durch überdurchschnittliche Tarifanhebungen und gezielte Strukturmaßnahmen gelang es uns, besonders die Kinderheilkunde finanziell außergewöhnlich aufzuwerten. Außerdem kamen neue Leistungen dazu, die die Honorierungssituation weiter verbesserten. Laut internen Berechnungen betrug das Medianeinkommen (Gewinn vor Steuern, also alle Praxiskosten bereits abgezogen) von Kinderärztinnen und Kinderärzten 2019 österreichweit 169.000 Euro. Parallel dazu haben wir einen Bürokratieabbau vorangetrieben, um unseren Vertragspartnerinnen und Vertragspartnern Zeit und Kosten zu sparen", so die Gesundheitskasse in ihrer Stellungnahme.

"Getan, was wir können"

"Wir haben in unserem Zuständigkeitsbereich getan, was wir können. Wenn Lösungen im niedergelassenen Bereich nicht zu schaffen sind und wir trotz unserer Attraktivierungsmaßnahmen Stellen nicht besetzen können, versuchen wir alternative Lösungen auf Schiene zu bringen. Wir suchen Kooperationen mit Krankenanstalten und fördern alternative Versorgungsformen. So könnten wir beispielsweise zusätzliche Leistungen in Ambulanzen oder Spitälern einkaufen und zusätzliches Geld dafür ausgeben. Außerdem forcieren wir Kinderzentren, die von Fachärztinnen und Fachärzten für Kinderheilkunde unter Einbeziehung anderer Berufsgruppen wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie betrieben werden. Viel versprechen wir uns von dem Modell einer sogenannten Kinder-PVE. Wir möchten in Österreich multiprofessionelle Primärversorgungseinrichtungen initiieren, die von Fachärztinnen und Fachärzten für Kinderheilkunde betrieben werden. Diese sind vom Gesetzgeber bisher aber nicht vorgesehen, wir würden jedoch eine derartige Organisationsform und eine Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen begrüßen und könnten uns vorstellen, ein entsprechendes Pilotprojekt zu starten. Dieses würde dem Gesetzgeber nicht zuletzt eine gute Entscheidungsgrundlage für eine Änderung des Gesetzes bieten", heißt es weiter.

"Zahlreiche Gespräche"

Mit Frau Dr. Peter habe die Gesundheitskasse "zahlreiche Gespräche geführt. Wir haben versucht mit ihr – im Rahmen der uns zustehenden Möglichkeiten – Lösungen zu finden. Eine mögliche Lösung wäre die Installierung einer Gruppenpraxis – ein Ordinationsmodell, mit dem viele Ärztinnen und Ärzte in Niederösterreich gute Erfahrungen gemacht haben. Auch die Anstellung eines Kinderfacharztes bzw. einer Kinderfachärztin wäre eine Möglichkeit. Das lehnte sie jedoch beides ab".

Für die Gründung eines Ambulatoriums sei ein behördliches Bedarfsprüfungsverfahren notwendig. "Eine Ambulatoriumsbewilligung kann nur dort erteilt werden, wo vom Betreiber ein Bedarf nachgewiesen werden kann. Grundsätzlich stehen wir als ÖGK auch Ambulatoriumslösungen positiv gegenüber", so die Sprecherin abschließend.

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