Er fährt von Wohnung zu Wohnung und findet dort Menschen, die allein gelassen in der Hitze dem Tod nahe sind. Was der Münchner Notarzt Jörg Schmid derzeit erlebt, ist erschütternd. "Alte Menschen sitzen auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, in dem teils über 30 Grad sind", berichtet er. Auf dem Tisch stehe oft nur ein einziger Becher Wasser vom Pflegedienst, der nur einmal täglich komme. Sein bitteres Fazit: "Sie verdursten schleichend."
Sein Beruf bringt Schmid täglich an die Grenzen des Erträglichen. Für einige komme jede Hilfe zu spät. "Hitze macht krank, und sie tötet - nur steht das nicht auf dem Totenschein", sagt der erfahrene Mediziner. Die Todesursachen lauten offiziell Schlaganfall, Nierenversagen oder Herzinfarkt - also die Folgen der Hitze, nicht die Hitze selbst.
Wie der Spiegel berichtet, veröffentlicht das Robert Koch-Institut jährlich die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle. Diese werden aus der Übersterblichkeit während heißer Wochen errechnet. Im vergangenen Jahr starben demnach rund 2.500 Menschen mehr als üblich, in extremen Jahren wie 2018 waren es sogar 9.000 Tote.
Dass die aktuelle Hitzewelle eine direkte Folge der Erderwärmung ist, bestätigt eine neue Studie der Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA). "Der Klimawandel ist eindeutig dafür verantwortlich", heißt es in der am Freitag veröffentlichten Untersuchung. Die extremen Temperaturen wären vor 50 Jahren zu diesem Zeitpunkt im Jahr "praktisch unmöglich" gewesen.
Seit der Jahrtausendwende registrierte der Deutsche Wetterdienst bereits zwölf Sommer mit mehr als zehn Hitzetagen - die meisten davon seit 2015. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es insgesamt nur drei solcher Jahre.
Wenig beachtet werde auch die Gefahr von Medikamenten bei Hitze, warnt Notarzt Schmid. Er habe mehrere Todesfälle erlebt, die auf Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und hohen Temperaturen zurückzuführen seien. Besonders Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer oder Diuretika könnten bei starkem Schwitzen zu gefährlichem Blutdruckabfall und Kreislaufkollaps führen.
Auch Wirkstoffpflaster, etwa Schmerzpflaster, werden bei Hitze zum Risiko. Durch die stärkere Hautdurchblutung nimmt der Körper den Wirkstoff schneller auf - im schlimmsten Fall droht eine lebensgefährliche Überdosis. Die Ärzte fordern dringend mehr Bewusstsein für diese Gefahren und bessere Vorbereitung auf künftige Hitzewellen.