Der Konflikt um Russlands sogenannte Schattenflotte verschärft sich. Nachdem europäische Staaten bereits mehrfach Tanker festgesetzt haben, die Russland zur Umgehung westlicher Sanktionen benutzt, reagiert Kreml-Chef Wladimir Putin nun mit einer offenen Drohung. Sollte der Westen seinen Kurs fortsetzen, stellt er Gegenmaßnahmen in Aussicht.
Die EU hat in ihrem jüngsten Sanktionspaket beschlossen, dass die Ladung beschlagnahmter Schiffe der russischen Schattenflotte verkauft werden kann. Frankreich, Großbritannien und Schweden haben bereits mehrfach entsprechende Tanker festgesetzt.
Putin attackierte dieses Vorgehen bei einem Auftritt an Bord des Kriegsschiffes "Warjag". Für ihn seien solche Maßnahmen "nichts anderes als Piraterie und Plünderungen". Sollte der Westen weiterhin gegen die Schiffe vorgehen, drohte er mit "spiegelbildlichen Maßnahmen".
Auch Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew verschärfte den Ton. Er erklärte auf Telegram, Russland habe das Recht, Schiffe "feindlicher Staaten" anzugreifen, wenn der Verdacht bestehe, dass sie Fracht für den Gegner transportieren.
Dabei bezog sich Medwedew nicht ausschließlich auf Waffenlieferungen. Die russischen Streitkräfte seien zudem in der Lage, entsprechende Operationen weit über das Schwarze Meer hinaus auszuweiten.
Für den Historiker und Russland-Kenner Jan C. Behrends haben die scharfen Reaktionen einen konkreten Hintergrund. "Putin versucht, westliches Eingreifen wieder in westliches Zaudern zu verwandeln", erklärt er gegenüber der BILD.
Die Maßnahmen gegen die Schattenflotte würden Russland an einer empfindlichen Stelle treffen. Die Einnahmen aus den Ölexporten sind für den russischen Staat von zentraler Bedeutung.
Aus Sicht Moskaus gehören Sanktionen, Waffenlieferungen und finanzielle Unterstützung für die Ukraine sowie das Vorgehen gegen die Schattenflotte zusammen. Auch Deutschland könne sich deshalb nicht darauf verlassen, von russischen Reaktionen verschont zu bleiben, obwohl Berlin bisher zurückhaltender gegen entsprechende Schiffe vorgeht als etwa Frankreich oder Großbritannien.
"Russland versucht, im Westen wieder Angst zu schüren", sagt Behrends in der BILD. Damit solle der Druck auf Moskau reduziert und von weiteren Maßnahmen gegen die Schattenflotte abgeschreckt werden.
Der maritime Sicherheitsexperte Moritz Brake rät dazu, die Aussagen aus Moskau nicht abzutun. "Die russischen Drohungen sollten ernst genommen werden", sagt er gegenüber der deutschen Boulevardzeitung.
Bereits einzelne Vorfälle auf See könnten demnach erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Versicherungen könnten teurer werden, Reedereien müssten womöglich Umwege fahren und zusätzliche Kosten könnten den Welthandel belasten.
"Deutschland und Europa hängen von Seewegen kritisch für ihre Wirtschaft, politische Stabilität und Souveränität ab", warnt Brake in der BILD.
Auch Versicherer könnten auf eine Verschärfung der Lage reagieren. Angriffe, Festsetzungen oder andere staatliche Eingriffe würden das Risiko auf bestimmten Routen erhöhen. Dadurch könnten sich Konditionen verschlechtern und Transporte durch Verzögerungen oder längere Strecken verteuern.
Mit Sorge blickt auch der Verband Deutscher Reeder auf die Entwicklung. "Wir nehmen jede Drohung gegen die zivile Handelsschifffahrt sehr ernst", heißt es in der Boulevardzeitung.
Der Verband warnt in der BILD ausdrücklich davor, Handelsschiffe in den Konflikt hineinzuziehen: "Zivile Schiffe und ihre Besatzungen dürfen nicht zum politischen oder militärischen Druckmittel werden".
Welche konkreten "spiegelbildlichen Maßnahmen" Russland tatsächlich setzen könnte, bleibt offen. Klar ist aber: Im Streit um die russische Schattenflotte verschärft Moskau nun öffentlich den Ton.