Am 1. August jährt sich die größte Brückenkatastrophe Wiens zum 50. Mal. Franz Andras war damals als junger ÖAMTC-Pannenfahrer im Nachtdienst unterwegs – und entkam dem Tod nur um Sekunden. Bis heute erinnert sich der 79-Jährige an jenen Morgen, an dem die Reichsbrücke vor seinen Augen in die Donau stürzte.
Es war kurz nach vier Uhr früh, Sonntag, der 1. August 1976. Andras, damals Ende 20, war mit einem Kollegen für die ÖAMTC-Nachtpannenhilfe im Einsatz. Ein VW Käfer mit drei jungen Burschen hatte oberhalb des Handelskai einen Platten. Die beiden Pannenfahrer erledigten gerade den Auftrag, als plötzlich alles anders wurde.
"Ein Autobus ist wie ein Irrer vorbeigefahren. Kurz darauf war dann das Erdbeben. Es hat gewackelt, wie auf dem Meer. Man hat Staub gesehen und dann war die Brücke schon weg in der Donau", erinnert sich Andras – auch fünf Jahrzehnte später noch sichtlich bewegt.
Andras und sein Kollege standen oberhalb am Handelskai. "Da waren zwei Pfeiler – sonst wären wir auch weg gewesen", sagt er im Gespräch mit "Heute". Die beiden wollten im Retourgang noch von der Brücke herunter, aber das ist nicht mehr gegangen. Eine gewaltige Traverse stürzte herab und schnitt die Fahrbahn "wie ein Messer entzwei".
Die beiden Männer sprangen aus dem Fahrzeug und rannten um ihr Leben. Mit einem Sprung überwanden sie den klaffenden Abgrund, der sich plötzlich vor ihnen auftat. "Ich werde nie vergessen, was wir in den wenigen Momenten, in denen wir um unser Leben liefen, durchgemacht haben", sagt Andras.
Mitten im Chaos sah Andras den Gelenkbus der Wiener Verkehrsbetriebe. "Der Bus stand in der Mitte der Brücke, der Fahrer ist aufs Dach geklettert und hat gewinkt. Gott sei Dank ist ihm nichts passiert." Der Bus stürzte zwar mit der Brücke in die Tiefe, blieb aber auf der eingestürzten Konstruktion liegen und versank nicht. Der Lenker überlebte unverletzt.
Nicht alle hatten dieses Glück. Ein zweiter Autofahrer, der den Pannenfahrern beim Reifenwechsel helfen wollte, fuhr nach getaner Hilfe weiter – direkt in den Einsturz. Der Mann (28) kam dabei ums Leben.
Unmittelbar nach der Katastrophe verständigte Andras die Einsatzleitung. Doch zunächst wollte ihm niemand glauben. "Die haben gefragt, ob ich besoffen bin", erzählt der Pensionist. Erst als immer mehr Menschen den Einsturz meldeten, wurde das Ausmaß der Katastrophe erkannt.
Andras blieb insgesamt 35 Jahre beim ÖAMTC. Viele Einsätze hat er erlebt, doch keiner prägte ihn so sehr wie jener Morgen. "Ich war überrascht, sicherlich auch geschockt", sagt er heute. "Es war jedenfalls der spektakulärste Dienst in meiner Geschichte."
Am 1. August 1976 brach die Wiener Reichsbrücke in sich zusammen. Zwischen 4.30 und 4.40 Uhr stürzte das Bauwerk in die Donau und riss einen Pkw und einen Bus mit sich in die Tiefe. Der junge Autofahrer starb; der Buslenker konnte unverletzt geborgen werden. Nur weil an diesem Sonntagmorgen kaum Verkehr herrschte, blieb die Zahl der Opfer vergleichsweise gering.
Der Einsturz der Wiener Reichsbrücke am 1. August 1976 war der direkte Auslöser dafür, dass im darauffolgenden Jahr 1977 die Sicherheitskontrolle als feste verfassungsmäßige Aufgabe im damaligen Kontrollamt – dem heutigen Stadtrechnungshof Wien – verankert wurde.
Der damalige Bürgermeister Leopold Gratz (SPÖ) rief nach dem Unglück einen Krisenstab ein, bei dem die Überprüfung der anderen Wiener Donaubrücken angeordnet wurde. Als Einsturzursache stellte eine Untersuchungskommission das Nachgeben eines Brückenpfeilers fest, was auf Konstruktionsfehler, Baumängel sowie aus diesen resultierenden Zeitschäden zurückgeführt wurde. Den Beschluss zum Neubau der Reichsbrücke fasste der Ministerrat bereits am 3. August. Im November 1980 wurde die neue Reichsbrücke wiedereröffnet.